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Nun, etwas mehr steckt schon dahinter. Aus der Distanz betrachtet, gibt es einiges an diesem Gewinner von fünf Oscars 1966 (u.a. "Bester Film", "Beste Regie") auszusetzen. Die Geschichte ist stark idealisiert, nicht alle Handlungsstränge führen zusammen, einige Figuren erscheinen unglaubwürdig bzw. schematisch, das Grundgerüst (kleine Kinder, Nonnen) birgt einige Kitschgefahr. Der letzte Akt, die Flucht der Trapp-Familie vor dem "Anschluß" Österreichs an Hitlers Drittes Reich, zeigt einen Bruch im bislang unbeschwert heiteren Ton des Films, ohne der historischen Tragödie gerecht werden zu können. Einige Szenen wirken überzogen, z.B. der gemeinschaftliche Ausbruch von Reuetränen beim ersten Abendessen der neuen Gouvernante mit der Familie. Aber - das alles sind Details! Über all diese Schwächen konnte ich mit einem Lächeln hinweggehen. Das war möglich aus drei Gründen: Erstens bietet "The Sound Of Music" die vielleicht großartigste Ansammlung von Hits der Geschichte des Musicals - vom Titelsong über "My Favourite Things" bis zu "Climb Every Mountain" wird man schier überwältigt von der Schönheit der Musik. Zweitens fangen die Außenaufnahmen, die zum überwiegenden Teil in Salzburg und der weiteren Umgebung entstanden, die Schönheit der Landschaft und der ehrfuchterweckenden Gebäude und Orte perfekt ein. Drittens vermitteln die Schauspieler und Sänger (allen voran natürlich Julie Andrews - ihrer Leistung wird man mit Worten nicht gerecht) einen solchen Charme, eine solch geballte Lebensfreude, daß man ihnen für immer zusehen und zuhören möchte. Denn - wahre und tief empfundene Schönheit kann nicht kitschig sein, und das ist das Verdienst des Teams um Regisseur und Produzent Robert Wise und Autor Ernest Lehman ("Der unsichtbare Dritte"), die alles taten, um den "Schmalz" des Bühnenstückes zu vermeiden. Sie machten auch nicht den Fehler Warners bei "My Fair Lady", die reizvolle (und potentiell viel bessere) Story in Prunk und Pracht fast zu ersticken, so daß die (trotzdem wunderbaren) Darsteller fast wie in einem goldenen Käfig agieren mußten.
Wie ist es nun um die Relevanz bestellt? Ehrlich gesagt, kenne ich kein einziges Musical, das sich durch historische Genauigkeit, psychologisch fundierte Charaktere oder tiefe Einblicke in die Wirklichkeit der modernen Welt auszeichnet. Nicht umsonst sind die meisten Musicals mehr oder minder märchenhafte Erzählungen, in Reinform z.B. das überragende "The Wizard Of Oz" von 1939. Gut, "Singing In The Rain" hat eine hervorragende Handlung, ist ungeheuer witzig und klug zugleich, hat zudem großartige Tanzszenen und wirkt daher auf mehr Ebenen. Trotzdem wird auch dort idealisiert, übertrieben, Realität verschwiegen. Und die Innovation? Nun, niemand würde behaupten, daß Mozarts "Zauberflöte" die Musikgeschichte vorwärtsgetrieben hätte. Trotzdem hat sie Millionen von Menschen und ein Dutzend Generationen verzückt. Sorry, Ms. Kael, aber man muß auch einmal innehalten und sich einfach freuen können. Und kaum ein Film vermag mehr Freude zu vermitteln als "The Sound Of Music", für mich das beste Musical der 60er (die an Oscars gemessen die Blütezeit des Genre waren), vor "My Fair Lady", "Mary Poppins", und "West Side Story", und weit vor "Oliver!", um alle Oscar-Musicals jenes Jahrzehntes einmal aufzuzählen.
Die Deutschen haben offenbar so ein merkwürdiges Verhältnis zu diesem Meisterwerk, daß eine Veröffentlichung auf DVD fraglich erscheint. Dazu passend hat die britische DVD nicht einmal deutsche Untertitel (ansonsten aber eine ganze Kollektion inkl. Englisch). Was soll's - ohnehin sollte man das Original erleben, das in fantastischer 4.1-Tonqualität vorliegt. Das Bild ist sehr gut, wenn auch nicht 100%ig scharf (was auch an meinen Augen liegen mag, die genauso alt wie der Film sind). Der (immerhin 166 Minuten lange) Hauptfilm ist komplett auf der ersten Scheibe untergebracht, inklusive eines durchgängigen Kommentars von Robert Wise und einer Spur mit dem isolierten Soundtrack. Die Extras (auf einer Bonus-Scheibe) bieten mit das umfangreichste Bonus-Material, das ich erlebt habe, darunter eine 90minütige Dokumentation und Unmengen an Audiomaterial. Spitzenklasse!
Das immens erfolgreiche Musical von Rodgers & Hammerstein basiert auf den Lebenserinnerungen von Maria Augusta Trapp (1905-1987), einem Waisenkind, welches im Kloster bei Nonnen aufwuchs, die ihren Drang zur freien Natur kaum hinter Klostermauern bannen können. In bester "Sister Act"-Tradition beschließt daher die gutmütige Mutter Oberin, der singenden Frischluftfanatikerin Maria eine weltliche Aufgabe anzuvertrauen: dem Witwer Baron von Trapp bei der Aufzucht seiner 7 Zwerge gehörig unter die Arme zu greifen. Die militärisch disziplinierten Erben des Ex-U-Boot-Offiziers setzen jedoch alles daran, durch derbe Scherze auf Kosten der neuen Nanny die Aufmerksamkeit ihres strengen Vaters zu bekommen. Der hat nur Augen für seine neue blonde Flamme, einer mondänen Gräfin aus Wien mit jeder Menge Kohle, die er eigentlich schon vor den Traualtar zerren wollte.
Doch in der Zwischenzeit haben die Kinder längst das singende Hausmädchen Maria in ihr Herz geschlossen und auch der Baron findet langsam Gefallen an dem unscheinbaren Aschenputtel. Maria will aber von weltlicher Liebe nichts wissen und flüchtet panikerfüllt zurück ins Kloster, wo sie von Mutter Oberin erneut die Leviten gelesen bekommt. Da Gottes Wege bekanntlich unergründlich sind, endet Maria also selber vor dem Traualtar.
Die frisch gebackene Trapp-Familie wird jedoch schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgezogen, als Hitler den Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich verkündet und General Papa von Trapp wieder eingezogen werden soll. Also wird fix die Gitarre entstaubt und in klassischer Kelly-Family-Tradition ein Folk-Festival gewonnen, um feste österreichische Werte zu erhalten. Als das auch nichts hilft, sucht die Familie ihr Heil in der Flucht vor den Nazis über die Berge...
1959 feierte "The Sound Of Music" seine Broadwaypremiere. Das kitschige Familiendrama heimste 8 Tonys (Bestes Musical, Beste weibliche Hauptrolle, Beste weibliche Nebenrolle, Bestes Buch, Beste Produktion, Beste Musik, Beste musikalische Leitung und Bestes Bühnenbild) ein. Obwohl sich gleich darauf 20th Century Fox die Filmrechte sicherte, lag der Stoff durch finanzielle Probleme des Studios bis 1965 auf Eis. Doch mit Julie Andrews, die direkt nach Mary Poppins schon wieder in die Haut eines Kindermädchens schlüpfte, war die perfekte Besetzung der Maria gefunden. Ihr zur Seite steht Christopher Plummer, der als singender Baron in der Endfassung doch in den Gesangspassagen von Bill Lee synchronisiert werden musste.
Gedreht an Originalschauplätzen in Salzburg, bei denen die "echte", nach Amerika emigrierte Maria Trapp bei Julie Andrews vorbeischaute, war den Produzenten schnell klar, dass dieser amerikanische Heimatfilm sein Publikum finden würde. 5 Oscars (Bester Film, Beste Regie, Bester Ton, Bester Schnitt, Beste Musik) ließen die Fox-Kassen endlich wieder mit Gewinn klingeln.
5 Jahre nach der Erstaustrahlung kam der Film wegen des immensen Erfolges auf der ganzen Welt (der ganzen Welt? nein, ein kleines Land, genannt Deutschland, weigerte sich lange Zeit, den Film "Meine Lieder, meine Träume" wegen der Nazi-Szenen ungeschnitten in die Kinos zu bringen) erneut in die Lichtspielhäuser und selbst heute hat dieser Klassiker immer noch zu Recht seine Fangemeinde.
Im Zeitalter der digitalen Restaurierung hat 20th Century Fox nun eine sehenswerte "Special Edition" von "The Sound Of Music" in erstklassiger Bild- (anamorph 16:9 Widescreen) und Tonqualität (Dolby Digital 4.1, obwohl bei meiner Anlage erfreulicherweise der "5."-Center-Lautsprecher alles andere als stumm geblieben ist!) in England als Regionalcode 2 DVD herausgebracht. Offensichtlich mögen wir Deutschen diesen Klassiker auch nach so vielen Jahren immer noch nicht, denn in Deutschland ist diese DVD bisher nicht angekündigt. Und so muß der interessierte Musicalfan sich ausschließlich mit der englischen Originalversion (+ Audiokommentar von Regisseur Robert Wise) zufrieden geben.
Doch die Special Edition bietet mit einer 2. Bonus-DVD weit mehr als den 3 stündigen Hauptfilm: mit gleicher Spielzeit (!) gibt die zweite Scheibe einen detaillierten Blick hinter die Kulissen des Films (allein das 90 minütige Making-Of mit aktuellen Interviews des gesamten, leicht ergrauten Casts ist mehr als sehenswert; dazu kommt eine Originaldokumentation aus den Sechzigern und eine Vielzahl an TV- und Radio(!)-Spots).
Fazit: Alpenglühen mit Mary Poppins im Dirndl - der Heimatfilm für Musicalfans in optimaler Qualität und mit ausführlichstem Hintergrundmaterial!
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