"My sister called it the 'the years of secrets', but when I look back on it now, I've come to understand that it was a time not of what was there but of what wasn't" (1). Dieser einleitende Satz von Siri Hustvedts viertem Roman "The Sorrows of an American" umschreibt sehr zutreffend den Grundton, in dem der gesamte Roman gehalten ist: Trauer, Verlust, Einsamkeit und der Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart eines Menschen sind die Themen, die im Zentrum des Buches stehen, so dass der ruhig-melancholische Schreibstil dem Inhalt des Romans voll und ganz entspricht.
Seit seine Frau ihn wegen eines anderen Mannes verlassen hat, leidet der Psychologe Erik Davidsen unter Depressionen, hat kaum noch soziale Kontakte und verbringt die meiste Zeit in seiner New Yorker Wohnung. Auch seine Schwester Inga lebt alleine, seit ihr Mann gestorben ist. Nach dem Tod ihres Vaters Lars Davidsen, entdecken sie in seinen Unterlagen einen kurzen Brief, der auf ein düsteres Geheimnis in seiner Vergangenheit hinweist. Erik und Inga beginnen nachzuforschen und ihre Recherchen führen sie unter anderem in die norwegische Heimat ihres Vaters. Beim Versuch, die Vergangenheit des Vaters zu rekonstruieren, dreht sich vieles um die Frage, welchen Einfluss die Vergangenheit auf das Leben und Denken eines Menschen in der Gegenwart besitzt, was Erik, den Ich-Erzähler, dazu zwingt, sich mit seinem eigenen Leben auseinander zu setzen.
Die Stärke des Romans liegt nicht so sehr im Plot als vielmehr in den zahlreichen Passagen, in denen der Erzähler oder die Charaktere über ihre Einsamkeit oder die Konstruktion der menschlichen Wirklichkeit sinnieren: "We don't experience the world. We experience our expectations of the world" (131) bringt es Inga in einem ihrer Gespräche mit Erik auf den Punkt. Solche ruhigen und philosophische angehauchten Stellen sind nicht jedermanns Sache, doch machen gerade sie die Klasse dieses Romans aus. Als Vertreterin der Postmoderne lässt Hustvedt ihrer Charaktere auch über das Verhältnis zwischen Sprache und Realität philosophieren: "That is the strangeness of language: it crosses the boundaries of the body, is at once inside and outside, and it sometimes happens that we don't notice the threshold has been crossed" (16f.). Wem so etwas gefällt, dem ist dieser Roman nur zu empfehlen.