Ein Konzeptalbum - sowas macht eigentlich kaum noch einer! Und dann auch noch in jeder Hinsicht wirklich oppulent inszeniert und produziert ...
Aber 1994 war das wohl noch möglich ... jetzt, wo die Musikindustrie alles rauskegelt, was nicht soundsoviel Umsatz macht, fast schon undenkbar. Und da hat sich der gute Mike eine Geschichte von ARTHUR C. CLARK ( 2001: A Space Odyssey/2001 Odysse im Weltraum; Rendevous With Rama/Rendevous mit 31/439 ) zur Brust genommen: The Songs Of Distant Earth - wow, allein schon der Titel setzt die Phantasie regelrecht in Flammen!!!
1958 als Kurzgeschichte herausgegeben worden, erlebten THE SONGS ... 1986 eine Reinkarnation, will heißen, 1983 griff Clark die Idee noch einmal auf, feilte bis 1985 an der Geschichte rum und machte so ein ganzes Buch draus, das dann 1986 veröffentlicht wurde.
Arthur C. Clark gehört zu den SiFi-Autoren, die Wert auf wissenschaftliche Erkenntnisse legen und das rumgondeln durch den Weltraum mit WARP 9 als Fantasy betrachten. So webt er eine Story, in der die Sonne unserer Welt durch eine Explosion vor ihrer Vernichtung steht und damit auch die Vernichtung der Menschheit bevorsteht. Es werden riesige Raumschiffe gebaut und mit allem ausgerüstet, was die zukünftigen Siedler benötigen. Man ist nicht in der Lage Lichtgeschwindigkeit zu erreichen, am Anfang sogar nur einen Bruchteil davon. Reisen durch den interstellaren Raum bis zum nächstgelegenen bewohnbaren Planeten dauern folglich Jahrhunderte. Tiefgefrorene Foeten, in Kälteschlaf versetzt, werden zu den Sternen geschickt, die am Zielort von Robotern wiederbelebt und aufgezogen werden. Da die Menschheit aber über tausend Jahre Zeit hat, bis ihr alles um die Ohren fliegt, werden auch laufend Forschungsergebnisse erziehlt. Fast gegen Ende gelingt es, den Quantenantrieb zu erfinden, mit dem man beinahe Lichtgeschwindigkeit erreicht. So ist auch die Möglichkeit gegeben, selber in die Kältekammern zu klettern und sich auf die Reise zumachen. Auf halben Weg zum Bestimmungsort trifft man auf eine frühe, bewohnte Siedlerwelt. Der Cultreclash ist nicht von Pappe.
Soweit eine grobe Zusammenfassung der Geschichte - Mike Oldfield war wohl so schwer von Clarks Buch angetan, daß er sich auf das Experiment, musikalische Umsetztung, eingelassen hat. Und hat voll gewonnen!!!
So finden sich auf dieser CD keine für Oldfield typischen Pop/Rocksongs, sondern eine Filmmusik (!) vom Feinsten. Ähnlich wie auf der KILLING FIELDS zeigt der Meister was er kann. Zum akustischen Vergleich kann man VANGELIS, die instrumentalen Stücke von PETE BARDENS, die TRANSFER STAION BLUE von MICHAEL SHRIEVE & KLAUS SCHULZE, oder auch JEAN MICHEL JARRE, um nur mal ein paar Sportsfreunde zu nennen, heranziehen.
Mike nutzt hippe Drum Loops, so daß die Scheibe nicht altbacken rüberkommt, und fährt tüchtig Computerleistung auf. Seine verspielten Melodien, die er gerne mit seiner Guitarre einspielt, fehlen ebenso wenig, wie sein Hang zu außergewöhlichen Effekten und Instrumenten. Ein kurzer Dudelsackauftritt muß genauso sein, wie ein Vollsample der Saami-Gesänge aus der Titelsequenz des Films PATHFINDER.
Es ist schon ein Erlebnis, wenn ein mit Tranquilizern beruhigter Captain supercool die Startsequence runtercountet ( Track 14: Crystal Clear) und dann die Triebwerke einsetzen - WAAAHNSINN!!! Besonders mit einer gescheiten Surroundanlage, möglichst volle Pulle, abgespielt - da hat dann auch der Nachbar was von, aber hallo. Gregorianische Choräle finden genauso Verwendung, wie ein Sample einer Übertragung der Weihnachtsansprache aus dem Buch Genesis, gelesen 1968 vom Astronauten Bill Anders an Bord der Apollo 8. Waalgesänge wechseln sich mit fast schon sinfonischen Parts ab - randvoll mit Ideen, Melodien, atmosphärischen Flächen und technischen Gimmicks undundund wird der Trip zu den Sternen ein echtes Event.
Die CD selber ist sehr gut gemastert und kann daher mit tollem Klang überzeugen.
Das Booklet enthält noch mal ausführliche Linernotes von Arthur C. Clark persönlich (!), unteranderem wo dieser sich sogar lobend über Mike Oldfields musikalische Umsetzung ausläßt. Höhere Weihen gehen ja eigentlich schon gar nicht mehr! Die Aufmachung des Booklets sieht fast aus, als wären Screenshots von einem Video zur Musik verwendet worden. Wenn's so ist, würde ich das Band gerne mal sehen!
Fazit: Mit Mike zu den Sternen - das muß man genossen haben! Aber für die Shadow-On-The-Wall-Five-Miles-Out-To-France-Fans sicher nicht das Richtige ...