Sie haben sich so sicher wie nie zuvor gefühlt, sagen die Tindersticks und tatsächlich: Mit "The Something Rain" ist der Band um Stuart A. Staples nicht nur eine ihrer besten Platten geglückt – sie gehen damit auch für den Titel ums "Album des Jahres 2012" ins Rennen. Es ist ein alter Journalistenwitz den besten Longplayer des Jahres bereits zu Beginn der Saison auszurufen und die Sache obendrein bierernst zu meinen – im Falle von den Tindersticks stimmt es aber: "The Something Rain" erscheint dieser Tage mit solch ungeahnter Wucht, dass es als Ausrufezeichen einer Band angesehen werden darf, die es um jeden Preis noch einmal wissen will. Dabei mehren sich zugleich Stimmen, die den wackeren Briten Paroli bieten und Verfechtern der Platte klarmachen, dass das gesamte Werk wie ein Soundtrack zu einem Film anmutet, der mehr Arthouse als unterhaltsam sei – aber auch hinter dieser waghalsigen Zuschreibung steckt ein Funken Wahrheit. Immerhin beginnt "The Something Rain" mit einem zehnminütigen Opener, der via gesprochenen Lyrics ein Leinwand-reifes Szenario liefert: Es geht um einen Abend aus der Sicht eines Mannes – dieser schlendert durch die Clubs, raucht Zigaretten, trinkt billigen Bourbon, lernt eine Frau kennen und obwohl er sich nichts mit ihr zu erzählen hat, landen sie bei ihr, verbringen die Nacht miteinander. Der Morgen danach ist dann die Fortsetzung auf Albumlänge – weil: Selten klangen die Tindersticks fokussierter, nahbarer und aufgeweckt-dringlicher als hier. Verglichen mit der Spielart, die der Vorgänger "Falling Down A Mountain" preisgab, ist "The Something Rain" ein Versuch über die Momente, die das Leben selten preisgibt. Tindersticks – "Medicine" Freilich erinnert das Ganze an die beiden ersten Werke Mitte der Neunziger, die mit Spiellängen jenseits der berühmten Dreiviertelstunde wie Alterswerke daher kamen – wenngleich die Macher rund um Stuart A. Staples taufrische Newcomer waren. Intelligent und weise vor den Jahren, so klangen ihre Alben allesamt und keines war je neben der Spur. Allein die Art und Weise, wie die Tindersticks regelmäßig Pomp mit Pop kombinieren, Saxofone niemals schwülstig klingen lassen und Staples' Stimme trotz Roger Whittaker-Anleihen gar zu den lieblichsten Songs einen idealen Gegenpart bildet, hinterlässt tiefe Spuren in den Herzen derer, die die Band seit Beginn verfolgen. Dem gegenüber steht die Frage im Raum: Wo wollen die Mannen 2012 hin? Mit dem bereits erwähnten Vorgänger hat "The Something Rain" nämlich gemein, dass der Psych-Rock Einzug ins Werk erhalten hat und Staples vielleicht deswegen davon spricht, dass es zum zweiten Mal in der Karriere seiner Formation passiert wäre, das alle Beteiligten sich absolut sicher waren, es hier mit einem "in sich fertigem Album" zu tun zu haben. Das erste Mal muss beim 1995 veröffentlichen "Tindersticks (Second Album)" der Fall gewesen sein – welches die Marschrichtung des Debüts aufgriff und diese auf die Spitze trieb, perfektionierte. Reicht es auch diesmal für den Olymp zum Jahrgangsbesten? Natürlich ist Musik kein Wettbewerb und doch geht es innerhalb der Kritik immer um ein Oben und Unten – die Tindersticks sind mit "The Something Rain" ganz oben angekommen, zum zweiten Mal in ihrer Karriere. Stuart A. Staples hat sich selbst übertroffen und Herrschaftszeiten: wer jetzt nicht schwelgt, dem ist nicht zu helfen. Marcus Willfroth VÖ: 17.02.12 Label: City Slang/Universal Tracklist: 1. Chocolate 2. Show Me Everything 3. This Fire Of Autumn 4. A Night So Still 5. Slippin' Shoes 6. Medicine 7. Frozen 8. Come Inside 9. Goodbye Joe
"Making albums is a tricky thing; writing, arranging, playing, recording, mixing, all so important to get right. Then there is that other element which permeates everything; desire. If you have this, you can fuck up any or all of the above and still succeed in making something beautiful. We have experienced this many times. What happens when you get all of those other elements right too? Something we have only felt once before." (Stuart A. Staples) Mit
The Something Rain legen tindersticks (ja, klein geschrieben und ohne „die“) ihr neuntes Studio Album vor, und wie schon bei den letzten beiden Vorgängeralben
The Hungry Saw und
Falling Down A Mountain atmet diese Platte einen ganz besondereren Geist, den das britische Musikmagazin UNCUT folgendermaßen beschrieb: "a restored self-belief, again loving doing what they do and doing it better than anyone else”.
Das Schöne an
The Something Rain ist aber diesmal etwas anderes: die Band, ja ihre Ideen, sind diesmal ausformuliert, realisiert in einer Art und Weise, dass man meinen darf, die Band berührt hier zum ersten Mal den Punkt, den sie seit Ewigkeiten zu erreichen versucht. Die jüngere Historie dieser Band ist eine Geschichte des langsamen aber stetigen Wiederaufbaus, nach einer Periode des totalen Zusammenbruchs (so um 2003). Was damals ein schmerzhafter Bruch war, stellt sich aus heutiger Sicht als Notwendigkeit und Befreiungsschlag dar. Und nicht nur das, es stellt sich ebenso als die richtige Entscheidung heraus.
Die Musik der Band ist seither in komplett neue und andere Schattierungen und Formen gewachsen, eine Entwicklung, die unmöglich gewesen wäre, ohne die temporäre Auflösung der Band in 2003. Seit dem Neuanfang aber hat diese Band niemals zurück geblickt, sondern immer nur nach vorn. Sehr schön auch zu erkennen, wenn man sich etwas intensiver mit den umfassenden Soundtrack-Arbeiten für all die Claire Denise Filme beschäftigt und den seither gespielten, hoch ambitionierten cinematischen Live Shows zu bewegten Bildern auf der großen Leinwand. Ja, die Band um den niemals still stehenden Frontmann Stuart A. Staples zog endlose Inspirationen aus dieser Film-Tour und fand völlig neue Freiheiten in der Umsetzung der Aufnahmen zu
The Something Rain .
Heute präsentiert sich die Band als eine tighte, fünfköpfige Band, die quer durch alle Gattungen einen Sound neu definiert, der weniger von den früheren, manchmal schwülstigen Streichern dominiert wird, sondern stattdessen einem massiven Aufgebot an Saxophonen sehr viel Platz einräumt und so eine andere, spacigere Farbe als in den Anfängen der Band vorzeigt. Ständige Kollaborateure sind hier allen voran der uns noch gut bekannte (wir sagen nur Gallon Drunk!) Terry Edwards (Saxophon), sowie Andy Nice (Cello, Sopran Saxophon). Auf
The Something Rain werden sie auch zusätzlich noch unterstützt von Thomas Bloch (crystal bachet), Gina Foster (vocals), Julian Siegel (bass clarinet, tenor saxophone) und Will Wilde (chromatic harmonica). Stuart Staples sieht aber noch andere Gründe für die neu gewonnene Aufbruchsstimmung in seiner Band: „Ohne die Trennung von unserem letzten Label wäre dieses Album nie so entstanden und zu dem geworden was es ist. Diese Freiheit brauchten wir dringend, und sie hat uns hörbar gut getan.“
The Something Rain wurde in mehreren Schüben aufgenommen, in einem Zeitraum von etwas mehr als einem Jahr (von Mai 2010 bis August 2011), abgemischt wurde es schließlich im September/Oktober 2011. Es war eine Zeit des Experimentierens, des Suchens nach dem richtigen Sound und des Verfeinerns bis hin zum perfekten Gesamtergebnis. Von den ungefähr zwanzig Songideen, mit denen sie begannen, schafften es letztlich 9 Stücke auf das vorliegende Album. "At the albums heart lies the memory of the people we have lost in these last two years, but we were in no mood to be maudlin. It's to them. But it's for us. We are still drinking, laughing, crying, fighting, fucking, making our music. They wouldn’t have wanted it any other way."