... das waren The Doors Mitte 1969, als dieses Album erschien. Dass sich die Gruppe danach nicht aufgelöst hat (bzw. nicht bereits nach dem Miami-Skandal), ist auch heute noch schwer zu verstehen. Mieses Songmaterial, die halbherzige Suche nach einem neuen Sound und ein Kontrollfreak am Mischpult namens Paul Rothchild prägen weitgehend die (ursprünglich) 34 Minuten Musik von "The Soft Parade". Der Produzent wollte es glatter und kommerzieller, Ray Manzarek und John Densmore wollten etwas Jazz einbauen. Jim Morrison war in dieser Phase mit seinen Gedanken meist woanders.
Zwei der Stücke, "Touch me" und "Wild Child", wurden bereits 1968 aufgenommen; ersteres ist ein treibender Pop-Schlager mit einer furiosen Jazz-Coda, dessen Text die Kitschgrenze locker überschreitet. Gelungen, aber Robbie Krieger hätte es dabei belassen sollen. "Wild Child" hat kaum eine Melodie, aber ein unwiderstehliches Riff - wenn schon primitiv, dann richtig. Wir hören den genüsslich zugedröhnten Jimbo, wie er bereits auf "Five to one" in Erscheinung trat. Auch gut.
Kommen wir zum traurigen Rest:
- "Tell all the People": Eine Art Revoluzzer-Schnulze mit fanfarenartigen Bläsern. Ein hörbar schlechtgelaunter Jim intoniert Robbies peinliche Verse.
- "Shaman's Blues": Ein länglicher Singsang über zwei Akkorde im lässigen 6/8-Rhythmus. Robbies Tongirlanden auf der Gitarre und Rays sanfte Cembalo-Wogen streicheln zwar das Ohr, aber der Text ist noch das Beste an dem Stück. Kein Wunder, dass die Band es niemals live spielte.
- "Do it": Der schlechteste Doors-Song überhaupt. Jim will sich scheinbar bei den jungen Hippies anbiedern. "Please, please, listen to me children": das ist die ganze Strophe. "You are the ones who will rule the world": und das der Refrain. So ein lyrischer Totalausfall war bis dahin undenkbar.
- "Easy Ride": Ein fröhliches Rock'n'Roll-Liedchen fürs Kirmes-Karussell. Na, wenigstens hat Jim ein bisschen Spaß hier.
- "Runnin' blue": Soll ein Tribut an Otis Redding sein. Ohne die Verweise im Text würde man nie darauf kommen. Hat eine bluesige A-capella-Einleitung; die eigentlichen Strophen bestehen aus abgehackten Phrasen. Das Lied ist ein gekünstelter Bastard aus Soul-Bläsern und einem folkigen "Refrain", wo sich der Gitarrist wie ein Imitator von Bob Dylan anhört. Dazu noch ein Free-Jazz-Solo, und das alles in 2,5 Minuten: verrückt, aber witzlos.
- "Wishful sinful": immerhin eine originelle Melodie. Der Verfasser des Arrangements hätte auch für Dusty Springfield arbeiten können. Es hört sich an, als sollten noch einmal unbedingt die Top Ten und die Hausfrauensender erobert werden. Jim gibt sich Mühe als Crooner dieser romantischen Ballade mit hübscher Wasser-Metaphorik, doch die Kombination ist einfach nur seltsam. Mich überzeugt der Song nur in der einzig bekannten Live-Version, wo sich auch zeigt, dass die Dekoration mit Streich- und Blasinstrumenten gar nicht notwendig war.
- "The Soft Parade": Der letzte poetische Großversuch. Es wirkt sehr beliebig, wie hier ganz unterschiedliche Fragmente zu einem Longtrack zusammengestückelt wurden. Warum das nun besser sein soll als "Celebration of the Lizard", das ein Jahr zuvor verworfen wurde, erschließt sich mir nicht. Im finalen Teil schreit sich Jim minutenlang durch den Text, ohne dass die Band endlich mal richtig draufhaut. Auch von diesem Song sollte man sich lieber die TV-Aufzeichnung ansehen.
Zum Bonusmaterial: "Who scared you" ist eine entspannte B-Seite mit einem einmalig dünnen, gluckernden Orgelsound. "Whiskey, Mystics and Men" bietet interessante Verse, klingt aber wie ein altes Matrosenlied für die Hafenkneipe. Man versteht, dass die Band nicht wusste, was sie damit machen soll. "Push Push" ist ein endloser Jam über die Akkordfolge von "La Bamba".
Dem erschreckenden Mangel an Substanz entsprach damals die trügerische Präsentation des Albums: Das triste Cover-Artwork bestand aus einem alten Foto der Gruppe (ca. 1967) und einem surrealistischen Bild, auf dem Jim Morrison ebenfalls so dargestellt ist, wie er längst nicht mehr aussah. Man kann sich die Verzweiflung der Marketing-Leute von Elektra über das skandalöse Image und die äußere Erscheinung des Sängers lebhaft vorstellen. Offenbar fand man keinen Weg, damit umzugehen, und versuchte von da an, die Tatsachen so lange wie möglich zu verschleiern. Das Ergebnis sieht man auf den Plattencovern bis hin zu "Doors 13".
Fazit: "The Soft Parade" sollte man nur kaufen, wenn man bereits alle anderen Studioalben hat und sich selbst eine Meinung bilden will. Wer dem aktuellen Remix/Remaster nicht traut, möge sich eine ältere CD besorgen.