„Ich kenne diesen Berg, denn ich bin der Berg und ich fühle ihn atmen. Sollte der Schneeleopard jetzt von dem Felsen über mir herabspringen und sich vor mir manifestieren - S-A-A-O! -, so könnte ich ihn in diesem Augenblick der reinen Furcht, völlig von Sinnen, vielleicht wahrhaft erkennen und frei sein."
Ende September 1973 reist der Abenteurer, Schriftsteller und nunmehr - nach Jahren der Kontemplation - Zen-Lehrer Peter Matthiessen gemeinsam mit dem bekannten Zoologen George Schaller ins innere Dolpo im tibetischen Hochgebirge an der Grenze zwischen Nepal und China. Parallel zur Wanderung südlich des Annapurna-Massivs durch das Kali Gandaki Tal bis in die tibetischen Hochebenen erlebt Matthiessen eine Pilgerschaft die bis in die innersten Tiefen buddhistischer Lebensweisheiten und bis an die Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens dringt.
Zugegeben: Eigentlich steht es mir nicht zu über einen Großmeister zu urteilen. Doch hier haben sich die Verkaufszahlen nicht geirrt. Dieses Buch setzt den Maßstab für Erzählungen, ist Idol für Abenteuergeschichten. Jeder Augenblick wird spürbar, die Grenze zwischen Mystik und Religion, zwischen tiefster Selbsterkennung und der Einheit mit Gott verschwimmt und präsentiert sich in jeder Zeile. Dazu tritt eine vorbildhafte deutsche Übersetzung. Gemeinsam mit Matthiessen durchwandert der Leser tiefgründige menschliche Bedürfnisse und Wünsche, die Route durch das damals noch gänzlich unbekannte Dolpo, geprägt von biologischen Höhepunkten und brachialen Naturgewalten, führt in einem parallelen Strang über leuchtende Gipfel der menschlichen Selbsterkenntnis. Ständig auf der Suche nach dem Schneeleoparden, dessen Sichtung das wahre „Erkenntnis des Einen" ist. Hier verlieren die weltlichen Besitztümer ihre Bedeutung und werden auf das Lebensnotwendige reduziert. Der Mantel, der sich über sämtliche Probleme und Schwierigkeiten der westlichen Gesellschaften breitet, wird abgelegt und präsentiert den innersten und tiefsten Kern der menschlichen Eigenart. Matthiessen eröffnet uns einen Weg, der steinig ist und schwer zu begehen. Der Weg führt über Konfrontationen, Dispute und Leid in die eigene Seele. Matthiesesn lädt ein. Und viele folgen ihm.
Matthiessen versucht jene Auffassung von Rainer Maria Rilke, die er seinem Werk voranstellt und die auch hier wiedergegebenen werden soll, stets zu beherzigen und legt seine Handlungen danach aus. Und eingedenk dieser These wird Matthiessen zu einem der größten Erzähler unserer Zeit: „Das ist im Grunde der einzige Mut, den man von uns verlangt: mutig zu sein zu dem Seltsamsten, Wunderlichsten und Unaufklärbarsten, das uns begegnen kann. Dass die Menschen in diesem Sinne feige waren, hat dem Leben unendlichen Schaden getan; die Erlebnisse, die man ‚Erscheinungen' nennt, die ganze so genannte ‚Geisterwelt', der Tod, alle diese uns so anverwandten Dinge, sich durch die tägliche Abwehr so sehr aus dem Leben hinausgedrängt worden, dass die Sinne, mit denen wir sie fassen könnten, verkümmert sind. Von Gott gar nicht zu reden."