Bereits mit der ersten Einstellung lässt Eric Barbier (Regie) jenes Schwindelgefühl entstehen, dessen Sog die Protagonisten und mit ihnen die Zuschauer bald mit sich reisst. Senkrecht blickt die Kamera entlang der Glasfassade eines Büroturms nach unten. Dazu erklingt die thematische Musik des Films, deren schnelle Arpeggio-Akkorde das Klirren und Brechen von Glas hörbar machen. Glatt und kalt wie Glas ist auch jene Figur, auf die die Kamera, wenn sie aus der Höhe des Bürtoturms auf dessen Vorplatz abtaucht, einfängt: Den Privatermittler Plender (Clovis Cornillac). Doch dieser ermittelt nicht mehr in fremder sondern nur noch in eigener Sache: Die Informationen, die sich Plender durch Tricks und Fallen zu verschaffen weiss, dienen nur einem: Der Erpressung. Willige Gehilfin ist ihm das sehr freizügig agierende Model Sofia (Olga Kurylenko).
Kalt wie Plender ist mittlerweile auch die Ehe zwischen Hélène (Minna Haapkyla) und dem Fotographen Vincent (Yvan Attal). Sie durchkämpfen, wenn der Film beginnt, die letzten Stufen der Scheidung, vor Gericht streiten sie sich um das Sorgerecht für die Kinder. Die Liebe zu diesen ist Vincents Achillesferse, bei der er nur zu bald gepackt werden wird.
Das Drama beginnt, als Plender auf Vincent aufmerksam wird. Wieder setzt er Sofia auf einen nichtsahnenden an, Vincent wird der Vergewaltigung beschuldigt, er verbringt eine erste Nacht in einer Zelle. Doch ist dies erst der Auftakt eines teuflischen Plans, denn die Anzeige wird zurückgezogen, Sofia kommt gar in Vincents Studio vorbei sich zu entschuldigen, und dann wird alles noch viel schlimmer. Mit Drogen willfährig gemacht ist Vincent ganz in der Hand seiner Nemesis, und als er schliesslich wieder zu sich kommt, hat er sogar eine Leiche im Kofferraum seines BMW. Da ist es für ihn willkommener Zufall, als sich just in diesem Moment Plender in sein Leben schiebt und ihm über seine Schwierigkeiten hinweghilft. Doch beginnt hier erst der eigentliche Kampf der beiden, denn schon bald lässt Plender die Maske fallen. Für Vincent geht es jetzt um alles.
Wie es sich für jeden guten Thriller gehört, stürzen Protagonisten und Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle. Bald erfährt Vincent kompetente Unterstützung durch seinen Anwalt und dessen privaten Ermittler, dann scheitern auch diese an Plender. Schon fast alleine sichert sich Vincent in letzter Minute Unterstützung von unwahrscheinlichster Seite. Und er entdeckt, dass auch Plender eine Achillesferse hat: Die abgöttische Liebe zu seiner unter zweifelhaften Umständen verstorbenen Mutter, die er in einem privaten Mausoleum verehrt, wo sie hinter Glas bestattet liegt. Ihr schuldet er Rache an der Welt, und diese nimmt er mit aller Härte und Gefühlskälte.
Wenn es schliesslich zum Showdown kommt, wird die thematische Kälte des Films auf die Spitze getrieben. Eine Gefriertruhe wird fast zum Grab, die Szenerie in einem verlassenen Gebäude ist gespenstisch irreal, und die Erlösung schliesslich erfolgt - mit Glas. Dahinter immer die klirrenden Akkorde der eiskalten Begleitmusik.
Ein sehr schöner, glaskalter ästhetischer Thriller. Der Plot jedoch ist bei weitem nicht so glasklar wie die optische Anmutung. Die Wendungen der Handlung und die Hintergründe wirken teils so konstruiert, wie die wunderschöne, kubisch aus viel Glas und Beton gebaute Villa Vincents und Hélènes. Da ist genug der Übertreibung, die an die Grenze dessen geht, was noch glaubhaft wirkt. Zusammengehalten wird der Film durch die (manchmal fast schon exzessive) Verwendung der Glas-Metapher in Bild und Ton sowie die ihren Rollen sehr angemessenen, beneidenswert schönen Gesichter der Protagonisten. Nicht nur die Kurylenko brilliert als laszives Girl, auch Attal, Cornillac und andere bieten sehenswerte Gesichter. Was immer man vom Plot halten mag - es ist ein für das Auge schöner Film, wenn man dessen Kühle mag.
Zwei abschliessende sachdienliche Hinweise: Die angezeigte DVD enthält leider keine Untertitel (unglaublich aber wahr). Und der Soundtrack ist (auch bei Amazon) als CD verfügbar.