Ray Kurzweil gilt als einer der führenden Zukunftswissenschaftler; seine Bücher über den kommenden Fortschritt unserer technologischen Entwicklung bieten eine atemberaubende Perspektive auf eine Welt, in der die Leistungsfähigkeit von Computern sich weiterhin alle eineinhalb Jahre verdoppelt ganz, wie Moores Gesetz es seit nunmehr 40 Jahren vorausgesagt hat. Kritiker des technologischen Fortschrittsglaubens zweifeln zwar daran, dass dies noch lange so weitergehen kann, doch Ray Kurzweil gehört nicht in deren Lager; er sieht einerseits keine ernsthaften technischen Probleme für die ungebremste Fortschreibung dieses Trends und andererseits begrüßt er ihn auch. Sein Gesetz der sich beschleunigenden Gewinne verspricht ungeheuren Reichtum für diejenigen, die im Besitz von Produktionsmitteln sind. Seine Berechnungen über die exponentiell zunehmende Rechenleistung von Computern sagen voraus, dass in 30 Jahren ein Computer zu haben sein wird, der für den Preis von nur 1.000 Dollar in Größe und Leistung dem menschlichen Gehirn entspricht. Die Zeitskala für umwälzende Entwicklungen wird sich immer weiter verkürzen bis hin zur Singularität, jenem Punkt, an dem alles sofort passiert.
Muss man sich da Sorgen machen, dass die Maschinen irgendwann entlang dieser beinahe senkrecht verlaufenden Entwicklungskurve diesen Planeten übernehmen? Nein, nein, Sorgen sollte einem das nicht bereiten. Denn erstens wird es ohnehin so kommen, meint Ray Kurzweil, und zweitens werden diese Maschinen ihre Schöpfer heiligen, bzw. mit ihnen verschmelzen. Das ewige Leben wartet. Wer sich heute so fit erhält, dass er die nächsten 10, 20 Jahre noch überlebt, den werden die Maschinen der nahen Zukunft wieder verjüngen und ihm ab da den Tod für alle Ewigkeit vom Leib halten.
Größere Gefahren scheinen mit diesen Entwicklungen nicht verbunden zu sein, von turbulenten Übergangsphasen mal abgesehen. Aber alles in allem, meint Ray Kurzweil, sei der Trend zu mehr Humanität doch schon jetzt zu erkennen: Als Beispiel führt er an, wie sehr die Zahl der militärischen Todesopfer bei Auslandseinsätzen der USA schon jetzt durch den Einsatz smarter Waffen gesunken sei. Vielleicht sollte er mal eine Lesereise durch den Irak starten aber solch defätistische Äußerungen würden mich in Augen Ray Kurzweils bestimmt zu einem Ludditen machen, einem bemitleidenswerten Ewiggestrigen, der vergeblich versucht, den Zug der Zeit aufzuhalten, so wie damals die Mannen um Thomas Ludd, die in England die Webstühle stürmten. Ich habe übrigens nachgeschlagen: Sie taten es wohl kaum, weil sie prinzipiell gegen den Fortschritt waren. Sie hatten nur erkannt, dass die wenigen, denen die Maschinen gehörten, sich keinen Deut um jene kümmern würden, die den Rest der Bevölkerung bildeten. Dass dies in der Zukunft anders sein wird, hat mir Ray Kurzweil auch in seinem neuen Buch nicht wirklich glaubhaft machen können.