Einige Rezensenten schreiben hier, der Leser könne selbst entscheiden, was die von Carr zitierten Befunde bedeuten sollen. Das sehe ich anders. Schon der Titel spricht ganz eindeutig von den Verflachungen (Shallows), die das Internet unserem Gehirn antue. Sicher, er lobt die Nützlichkeit des Netzes, und hält es für unsere Gesellschaft als unverzichtbar, aber, je mehr wir es nutzen, desto mehr verblöden wir nach Carr. Diese Kernthese wird durch die intensive Nutzung des "power browsing", des Multitaskings, der Unterbrechungen durch Hyperlinksprünge etc. begründet, der wir offensichtlich zwanghaft (durch ein Belohnungssystem beim Schnipseln im Netz, wo immer wieder Neues zu finden ist) unterliegen. Mit dieser Hochaktivität sei wesentlich das Vorderhirn (Hypocampus) beschäftigt, das für Entscheiden zuständig sei, das dadurch gewissermassen überlastet sei. Diese Überlastung verhindert aber den Verstehensprozess, der nach Kandel und anderen beschworenen Neurowissenschaftlern ein intensiven Austausch zwischen Hypocampus und dem cerbral cortex (für das Langzeitgedächtnis zuständig) erfordere.
Die Neurowissenschaft hat sicher viele spannenden Einzelheiten entdeckt, aber über die Lokalisierung des Gehirnflackerns mit bildgebende Verfahren und bio-chemische Analysen hinaus ist diese Wissenschaft noch meilenweit davon entfernt, zu verstehen, wie das Gehirn denkt, was überhaupt "Verstehen" bedeutet, etc. Die Einsicht, dass ich kaum etwas lernen kann, wenn gleichzeitig Musik läuft, ein Freund anruft, und im Fenster eine spannende Szene zu beobachten ist, scheint mir trivial, dazu brauche ich keine Wissenschaft. Aber die Behauptung, dass Googlen zur Demenz führt, wie auch der deutsche Neurowissenschftler Spitzer in seinem jüngsten Buch formuliert, scheint mir blanker Unsinn zu sein. Der Autor Carr äußert sich nicht zu dem Vorgang des "Verstehens". Wenn ich "google" ist mein Vorderhirn nicht mit reinem "Entscheiden" überfordert, sondern bevor ich entscheiden kann, muss ich einen Textabsatz, den ich über einen Link von Google finde, erst einmal als sinnvoll für meinen Suchkontext identifizieren. Das setzt aber voraus, dass ich diesen Text verstanden haben muss, denn sonst kann ich ja gar nicht entscheiden, ob er für mich passt oder nicht. Carr scheint wohl anzunehemn, das Netz wäre eine Fülle von Wissensschnipseln, die wir nur durchscannen, um sie einzusammeln (was uns auf Dauer verblöden läßt). Ich halte dagegen, das Netz ist ein Datenhaufen, mit dem jemand, der nichts weiß, rein gar nichts anfangen kann. Jede gezielte Googlerecherche ist eine intellektuelle Anstrengung, bei der ich mein Wissen über den Sachverhalt mit einbringen muss, um eintscheiden zu können, dass mein Suchfund nicht Schrott, sondern eine Perle ist. Wer mit Verstand googelt, treibt Gehinrnjogging, was ihn weiter bildet. Und wer keine Ahnung hat, ist leider abgehängt im Netz. Wenn ich studentische Arbeiten korregiere, dann fällt sofort auf, wer tumb im Netz "rumgoogelt" und irgendwas zusammenschustert, und wer sehr gekonnt mit den Fundestellen zur Aufgabenstellung umgehen kann, sie richtig ausgewählt hat, und logisch sauber zu einem sinvollen Text zustammenstellt. Verflachung durch Googeln - wo bitte? Carr nennt meist nicht den Kontext, in dem eine Aktion stattfindet. z.B. zitiert er eine Studie, bei der über eye-tracking bei Probanten festgestellt wurde, dass sie im Schnitt nur 18 Sekunden auf einer Internettextseite verweilen. Daraus schließt er, die Leute lesen überhaupt nicht mehr im Netz. Er sagt uns aber nicht, welchen Leseauftrag die Probanten hatten. Wenn ich in einem Fachgebiet recherchiere, in dem ich mich auskenne, langen mir auch 18 Sekunden, um zu entscheiden, dass ich eine für mich unbrauchbare Seite vor mir habe, und ich springe zur nächsten. Wenn ich aber eine relevante Seite gefunden habe, dann kann das Lesen schon mal 5 Minuten dauern. Der Kontext entscheidet.
Carr denkt und schreibt extrem aufs Medium bezogen und berücksichtigt an nur ganz wenigen Stellen das gesellschaftliche Umfeld. Wenn heute ein Journalist kein "deep reading" macht und im Eiltempo durchs Netz flitzt, um zu einem Ergebnis zu kommen, dann könnte es doch sein, dass dieser Mensch nicht ein Netzjunkie ist, sondern dass sein Auftraggeber aus Rationalisierungsgründen fordert, dass ein Beitrag an nur einem Tag verfasst werden soll, zu dem früher eine Woche Zeit war. Oder wenn ein Angestellter seine Unterhaltung, oder seinen Schreibvorgang unterbricht, weil sich eine Mail oder eine SMS durch einen Piepser ankündigt, dann könnte es doch sein, dass dieser Angestellter es sich nicht leisten kann, auf eine Mail nicht rechtzeitig zu reagieren?
Es gibt ein langes Kapitel zu Google. Da wird die Konzerngeschichte beschrieben, und wir erfahren, wie Google Geld macht, schön. Dann schießt sich Carr wieder auf sein Kernthema ein, Google überfordert das Vorderhirn, und das trägt (bis auf Ausnahmen) zur allgemeinen Verflacung bei. Ich hätte mir in diesem Kapitel gerne eine Reflexion zur "filter bubble" (Eli Pariser) gewünscht, wo ich das "wirkliche" Problem der Googlerecherche sehe, dass nämlich über die Algorithmen (die übrigens erwähnt werden) der Suchende nur noch das als Fundstelle präsentiert bekommt, was zu seinem Profil passt, so dass er in der Tendenz nicht zur Erweiterung seines Gesichtsfeldes geführt wird.
Fazit: Die Kernthese des Buches finde ich höchst ärgerlich, weil sie letztlich verhindert, die sicherlich enormen Auswirkungen des Internets in unserem gesellschaftlichen Lebenskontext adäquat erfassen zu können. Zwei Punkte hat er aber doch verdient, weil die Beschreibungen, wie uns das Medium in den Bann ziehen kann, und welche zerstörerischen Wirkungen bei gegebenen Kontexten möglich sind, hautnah erzählt werden.