Macy Gray hat drei überragende Alben gemacht, dann ein deutlich weniger starkes und nun ein sehr gutes. In ihren Liedern spricht sie immer von sich selbst und immer sehr deutlich. Sie hat dabei vor allem drei Themen: Spaß am Sex; Überbordendes Glück und Lebensfreude; die Leere und das völlig am Boden zerstört sein, weil man verlassen worden ist oder jemanden verlassen hat. Macy sieht sich dabei immerzu als Außenseiter: "I'm so glad you're a freak like me" singt sie auf ihrem zweiten Album The ID und "You are relating to a Psychopath", auf ihrer jetzigen Tour covert sie Radiohead's Creep - und man spürt, dass sie das nicht nur tut, um zusätzliche Käuferschichten abzudecken.
Ihre ersten drei Alben waren auf ihre Weise sehr persönlich: On how life is; The ID und schließlich The trouble with being myself. Vielleicht lag die Schwäche ihres vierten Albums genau darin, dass sie davon abgegangen war. Es hieß einfach nur Big, war als Comeback gedacht, enthielt einige typische Macy Gray-Songs (für mich "Finally made me happy", "Glad you're here" und "AEIOU"), floppte und wahrscheinlich müssen selbst eingeschworene Fans wie ich zugeben, dass das im Großen und Ganzen in Ordnung ging. Macy geht ihre Themen immer direkt an, redet nicht drumrum, und wer unbedingt doppelbödige, filigrane Lyrics braucht, die ihre Genialität daraus beziehen, dass sie keiner versteht oder jeder darunter verstehen kann, was er will, der ist bei Macy definitiv falsch.
"All my troubles, they go away when you're on top of me loving me down making sounds and it's so good I am screaming" ist einer der Refrains auf ihrem dritten Album. Das singt sie mit einer grölend-groben, kindlich einfachen Melodie und das alles zusammen drückt dann eben genau das aus, was Macy hier sagen will. Genauso "Sex-O-Matic Venus Freak" auf On how life is und "Sexual Revolution" auf The ID. Macy liebt kurze Strophen, redet nicht groß rum. "Do me wrong songs make money all the time - but you're fine chocolate ass brings nothing negative to mind". Kurze Bridge "And the sun shines laughter when we live as one - And there's peace for those who believe in love". Sie lässt sich keine Zeit, denn eigentlich will sie nur sagen: "I'm so glad we've come together again".
Auf ihrem neuen Album gelingt es Macy viel besser als auf Big, ihre Stärken fortzuführen und gleichzeitig neues zu probieren. In The Sellout, dem ersten Track, geht es gleich wieder um eines ihrer Lieblingsthemen: die gescheiterte Beziehung. In der Strophe ist Macy laut, kämpft "Take a picture cuz it's always changing - But I wanna hold on to you - Yes I wanna hold on to you", sie fordert und scheint für einen Augenblick fast schon stark, doch dann gesteht sie im Refrain, leise "I'm out on a limb - I'm giving in". Für mich kann nur Macy das: in einen Song so völlig verschiedene, widerstreitende Seiten eines Gefühls packen und sie darin ausleben.
Auf The Sellout, dem Album, findet Macy auch zu etwas zurück, das ich an ihren ersten drei Alben fast schon verehre: sie schert sich nicht allzu sehr um Erwartungen, tut, was sie will. Lately ist vielleicht Disco, fast schon Retro, darauf kommt mit Kissed It ein stampfender Gröl-Song. Mit Beauty in the World hat Macy die vielleicht bislang schönste Hymne für ihr Credo der Lebensfreude abgeliefert. Und es ist ganz typisch Macy, dass sie das einfach wiederholt, immer wieder, vielleicht nervt das, sicherlich ist es nicht filigran. Genau das ist aber eben Macy Gray. Das stille Let You Win zeigt wieder ganz Zerrissenheit, das "Ohne dich geht es nicht, aber mit dir schon gar nicht". Macy ist hier ganz zerbrechlich. Dann kommt wieder diese völlig schräge Nummer, die eigentlich auf jedem ihrer Alben drauf ist. "I've committed murder" war das auf dem ersten, die Polka "Oblivion" auf The ID, "My fondest childhood memories" auf dem dritten Album (als Kind rettet sie darin die Ehe ihrer Eltern, indem sie ihren Babysitter und den Liebhaber ihrer Mutter umbringt), "Strange Behavior" auf Big und auf dem jetzigen Album ist das "That Man". Wer Macy nur für ihr "I try" liebt, das ihr gleich den großen Durchbruch brachte, wird diese Songs hassen. Ich halte sie nur für konsequent: Macy tut, was sie will. Auch auf The Sellout bleibt sie sich hier treu. "Stalker" ist musikalisch sicherlich stark von Kiss von Prince inspiriert. Ziemlich cool. Und dann gibt es da ein neues Thema: die Erfahrung, im Erfolg im Musik-Business umschwärmt zu sein und sich allein zu finden, wenn mal eine Platte floppt. Macy verbindet dieses neue Thema im Schlußsong "The Comeback" mit ihren anderen großen Themen, der Unsicherheit ihrer selbst ("Maybe if I was more pretty"), der gescheiterten Beziehung und der Wunsch, sie zurückzuhaben. Vielleicht ist Macy hier so verletzlich und zerbrechlich wie noch nie, vielleicht, weil sie ihren Refrain genauso an den Verflossenen richtet wie auch ihre Fans. "If I comeback - Would you take me back - If I told you that - I haven't changed a bit - Baby, would you go for it? - Would you take me back?"
Macy ist zurück, ganz sicher. Wie gesagt, nicht mit ihrem größten Album. Aber es ist Macy Gray im Jahre 2010, ein sehr gutes Album. Es ist gut, dass sie wieder da ist.