Was dem Leser dieses Romans schon beim ersten Blättern auffällt, ist die originelle graphische Aufmachung. Die "selected works", von denen im Titel die Rede ist, das sind vor allem Graphiken und Illustrationen, für die der 12 jährige T. S. Spivet in Washington mit einem Preis ausgezeichnet wird und die im Buch zur Illustration der Handlung am Rand neben den Text platziert sind. Ebenfalls am Rand erscheinen - durch gepunktete Linien mit Textstellen verbunden - kleine Exkurse und Randnotizen. Das könnte natürlich einfach eine alberne Spielerei sein. Ist es aber nicht. Mehr noch als die Illustrationen dienen diese Randnotizen nicht nur zur Illustration und als expliziter Kommentar. Sie verweisen gewissermaßen symptomatisch auch darauf, dass der Erzähler zu seiner Geschichte ein gespaltenes Verhältnis hat.
Ja die Geschichte: Da geht es zunächst einmal um die Reise des Jungen aus dem immer noch irgendwie wilden, vor allem aber auch provinziellen, Montana ins entfernte Washington D. C. Im renommierten Smithsonian Institute soll er einen Preis für seine Werke entgegennehmen. Allerdings wissen die Verantwortlichen noch nicht, dass der Künstler erst 12 ist. Weil er kein Geld hat, springt er zunächst als Hobo auf einen Zug, der ihn nach Chicago bringt, und von dort geht es, mittlerweile schwer verletzt, im Truck weiter nach D. C. Soweit ist es eine Art literarischer Roadmovie. Da T. S. als zwar hochbegabter, insgesamt aber eigentümlich unreifer Junge aufbricht und deutlich gereift im Osten ankommt, trägt das Buch auch Züge eines Adoleszenzromans. Ein Kampf mit Messern mit tödlichem Ausgang und einige andere spannende Szenen verleihen der Geschichte Aspekte eines Abenteuerromans. Und eingelagert in die Reisehandlung findet sich auch noch eine Geschichte, die der Protagonist eher zufällig stößt: ein Notizheft seiner Mutter entpuppt sich als eine von der Mutter verfasste halbfiktive Lebensgeschichte einer Ururgroßmutter von T. S., die als erste Geographin auf einer Expedition in den Westen zog, sich verliebte und dort blieb. Ein Schuss spielerischer postmoderner Reflexion auf den Sinn des Erzählens überhaupt und des historische Erzählens im Besonderen also. Ein insgesamt recht weites episches Panorama, das mit viel Liebe zum Detail erzählt und illustriert und kommentiert wird.
Die unbekümmerte Fabulierfreude erscheint hier allerdings gebrochen. Der Strom des Erzählens wird durch die Randnotizen nicht nur ergänzt, sondern oft auch unterbrochen. Während sich der Protagonist in der erzählten Gegenwart wacker in Richtung Osten vorkämpft, wird er immer wieder eingeholt von der traumatischen Erinnerung an Tod des Bruders einerseits und von Einsichten in die fehlende Nähe zu den Eltern andererseits. T. S. ist ein begnadeter Zeichner und ein (etwas überzogen dargestellt) extrem belesener und sprachlich sehr differenzierter junger Wissenschaftler. Vor allem aber wird er verfolgt von Schuldgefühlen und Gedanken an eine Familie, die irgendwie zwar funktioniert, die sich aber unter der Oberfläche als Ensemble isolierter Egozentriker entpuppt. Was den Rest der Familie zwar nicht glücklich erscheinen lässt. So richtig darunter leiden tut aber offenbar nur der Protagonist, weil der das Pech hat, mit leicht autistischen Zügen zu intelligent und etwas sensibler als die anderen zu sein.
Ein Roman, das den Leser oft schmunzeln lässt, aber immer wieder auch anrührt und zum Nachdenken anregt. Ein komisches und gleichzeitig trauriges Buch. Sehr lesenswert.