Mercury Rev fingen als kranker Scherz ambitionierter Hobbyfilmer an - irgend jemand mußte schließlich den Soundtrack zusammenbraten. In den Folgejahren brachten sie sich mit viel Mühe und viel Krach von Platte zu Platte durch und wenn die Musik schön zu werden drohte, dann hieß es: Deckung, gleich kommt die Flex und macht alles wieder kurz und klein. Und ständig und ohne Gnade Jonathan Donahues krähendes Organ, neben dem Pumuckl wie Pavarotti klingt. Dazwischen allerhand Stories, die herkömmliche Bands schon längst in die ewigen Jagdgründe befördert hätten (Sänger will dem Gitarristen im Flieger ein Auge rausholen, Bassist gibt die Bandkasse für Ferien mit seiner Mutter aus...).
Dann veröffentlichte eine der wenigen Bands, denen als Headliner wg. Lautstärke der Saft abgedreht worden ist, „Deserter's Songs" und alles war anders. Immer noch kauzig und verschroben, entdeckten sie plötzlich die Schönheit der Melodie und gewandeten wunderbar elegische Kompositionen in ungewöhnliche Arrangements. HAmmondorgel, Cembalo, Flöte und singende Säge wurden vom Staub befreit und bildeten mit der Rock-Besetzung ein verwunschenes Orchester.
Und jetzt „The Secret Migration". Ich bin einfach hin und weg, allein von der Tatsache, dass es auf der Welt Leute gibt, die solche Musik produzieren, denn so lange lohnt es sich, zu leben.
Diese Platte bringt mich den Tränen nahe, und zwar nicht mehr den Tränen des Zahnschmerzes, die ihre früheren Platten bei mir auslösten. Ausschweifende Gitarrentexturen, gleißende Steelgitarren, feingestrickte Klaviersätze, die Debussy und Satie heraufbeschwören und das alles getaucht in ein Bad aus glanzvoller Psychedelia. Melodien, die man den ganzen Tag lang singen möchte. Die ganze Geschichte trieft vor Souveränität, Grandezza und Abenteuerlust, so sehr sich das auch ausschließen mag. Für den Synästhetiker: „The Secret Migration" ist ungeheuer hell, als ob man zu lange in den Sonnenaufgang schaut. Die Platte ist so dicht gestrickt, dass man sie wirklich durchhören muß, kann, will...
Höhepunkte? Alle. Und besonders sicher „In a funny way" - donnernde Phil-Spector-Drums prallen auf sphärische Star-Trek-Vokalisen und die Gitarrenkunst des Herrn Grasshopper hält diesen potentiellen Hit zusammen. Der wunderbarst Moment ist „Arise" - krachende Rickenbacker-Gitarren in der Tradition von The Church und ein Spannungsbogen, der niemals abbricht. Ein Song wie Dauerbeschleunigung auf der Space-Autobahn, mit kurzer Atempause für ein mysteriöses Duett von Fender Rhodes und E-Bow. Schlußstück „Down poured the heavens" ist eine hinreißende Schlaflied-Melodie...wenn da nicht dieses abgrundtiefe Brummen wäre, als täte sich was im Erdinnern... Jeder Song ist ein Kaleidoskop für sich, alles ist mit einer unendlichen Freude am Detail gebaut, dass Hieronymus Bosch seine Freude hätte. Die EINE Klaviernote, der EINE Schlag auf die Röhrenglocke, die eine, kaum hörbare Gitarrenspur mehr - diese liebevolle Mühe umgibt jeden Song. Sogar Jonathan Donahues hat sich auf richtigen Gesang besonnen, und wenn er sich nicht verstellt, hat er - oha - ein ganz passables Organ. "First time mothers joy (flying)" wird vom Geist des John Lennon heimgesucht, wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, der Meister hätte hier ein Wörtchen mitgeredet. Vielleicht hat er das auch, denn „The Secret Migration" ist nicht von dieser Welt.