Dieser polnische Film aus dem Jahre 1965, eine Verfilmung des literarischen Meisterwerkes von Jean Potocki, ist zugleich eine Reise ins Unbewusste wie eine in das Übernatürliche. Die Geschichte, wie die Romanvorlage zu uns heute gekommen ist, erscheint nicht weniger ungewöhnlich, als die Geschichten die in dieser erzählt werden.
Geschrieben von einem polnischen Aristokraten zwischen 1797 und 1815 ursprünglich auf französisch als Manuscrit Trouvé à Saragosse, wurde dieses Buch erst 1847 in die Muttersprache des Autors zurückübersetzt. Aber damit nicht genug: Als 1989 eine neue französische Ausgabe herausgebracht wurde mussten viele Stellen aus dem Polnischen zurück ins Französische übersetzt werden, weil inzwischen einiges vom Ursprungstext verloren gegangen war. Die erste englische Version des Textes erschien erst 1960.
In der Handlung, dessen zahlreiche Anspielungen auf die jüdische Mystik, die beginnende Aufklärung und die sich ankündigende Romantik mit der spanischen Kulturgeschichte verschmelzen, verzweigen sich Geschichten innerhalb von Geschichten. Film wie Roman spielen im Spanien der Inquisition. Nach älteren Berichten waren von 1478 bis 1530 neunzig Prozent der in Spanien Angeklagten zum Christentum konvertierte Juden, die angeblich an ihrem früheren Glauben festhielten. Im Polen des Kalten Krieges gedreht, ist die Verfilmung voll mit Verweisen auf die Unterdrückung der Kunst und der Menschenrechte.
Auch wenn als Inspiration für den Roman eindeutig die Erzählungen aus 1001 Nacht oder Il Decamerone, der Sammlung von 100 Novellen, die der Feder von Giovanni Boccaccio entstammen, gelten können, ist doch mehr als erstaunlich wie Potocki hier durch eine Beschreibung der Ausleuchtung des Unterbewussten durch den Verstand quasi die Psychoanalyse, die Postmoderne und schließlich das nun beginnende Zeitalter der Anerkennung der Existenz des Übernatürlichen vorwegnahm.
Der Film ist in herrlichsten Cinemascope. Die Kameraarbeit von Mieczyslaw Jahoda bedient sich langer Einstellungen in exquisit ausgeleuchteten Kulissen. Unübertroffen.
Ebenfalls bis heute wohl so nicht im Film mehr gesehen, ist das freie Spiel zwischen Realitätsschichten, die sich gegenseitig, vor dem Auge des Beobachters und ebenso hinter dem Rücken der Handenden, hervorbringen. Das Mittel, dessen sich die klassische Malerei bediente, um uns zu verstehen zu geben, dass in ihren Kompositionen dieses oder jenes als unsichtbar betrachtet werden müsse, war üblicherweise eine dünne Wolke, in welche ein Teil der mithandelnden Personen eingehüllt ward. Wie Lessing es im Laokoon beschreibt, haben sich die Maler auch in diesem Falle wohl bei Homer angelehnt, der seine Helden ein ums andere Mal von einer rettenden göttlichen Macht durch einen dichten Nebel einhüllen ließ. Seit dem ist wohl das Einhüllen in Nacht und Nebel eine Redensart fürs unsichtbar machen. In diesem Film werden die Realitätsschichten aber nicht durch poetische Redensarten oder spanische Wände voneinander getrennt, sondern jede Begegnung zwischen Menschen wird hier zu einer theatralischen Grenze, verwandelt das Geschehen in eine wahre Hieroglyphe, ein bloßes symbolisches Zeichen, das die Helden vor unseren Augen nicht unsichtbar macht, sondern den Betrachtern zuruft: Ihr müsst Euch selbst vorstellen, was an dieser Szene gerade sichtbar ist und was nicht. (Früher gab es dafür in Gemälden Zettelchen, die den Figuren aus den Mündern hingen, und womit angedeutet wurde, dass bestimmte Personen gerade von den Göttern unsichtbar gemacht wurden.) Das Verfinstern von Augen oder das Entrücken von Personen ist in diesem Film also kein willkürliches Mittel oder gar Effekthascherei wie im spektakulärem Kino der vergangenen 40 Jahre, sondern natürlicher Teil einer Inszenierung, in der Wahn, Traum und Realität in immer neuen Verhältnissen miteinander abgemischt werden, bis... ja, bis sich so etwas wie wirkliche Freiheit von jeder Illusion ergibt. Eine Art Erhöhung des sterblichen Gesichts. Oder wie heißt es einmal in diesem Film an einer Stelle, auf Sokrates anspielend:
We are like blind men lost in the streets of a big city. The streets lead to a goal, but we often return to the same places to get to where we want to be. I can see a few little streets here which, as it is now, are going nowhere.
New combinations have to be arranged, then the whole will be clear, because one man cannot invent something that another can not solve.
Die original version mit fast 180 Minuten war lange Zeit gar nicht zu sehen. Amerikanische Verleiher schnitten den Film 1965 um fast 1/3 auf 125 Minuten herunter. Erst 1995, durch den Einsatz von Jerry Garcia, Martin Scorsese und Francis Ford Coppola konnte aus einer einzigen erhaltenden Kopie die noch aufzutreiben war die vollständige Fassung rekonstruiert werden. Sie wurde restauriert und 1997 beim NY Film Festival präsentiert.
Im Jahre 2002 gab es eine unerschwinglich teure limitierte Auflage als DVD. Erst 2008 wurde der Film, durch eine weitere DVD- Version, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.