Die "Royle Family" ist eine Britcom der ganz eigenen Art. Es geht um ein Familie aus dem Arbeitermilie bestehend aus dem arbeitslosen Vater Jim (alias Ricky Tomlinson, dem Chief Inspector mit Hämhoriden aus "Fitz"), der in einer Bäcker teilzeitarbeitenden Mutter Barbara (Sue Johnston, die Psychologin aus "Waking the Dead"), der erwachsenen Tochter Denise (Caroline Ahern, die auch größtenteils das Drehuch geschrieben hat), deren Mann Dave, und der Teenager-Sohne Anthony. Regelmäßige Nebenfiguren sind die Großmutter 'Nana', die Nachbarn und ein paar Freunde von Eltern und Kindern. Die Serie aus drei Staffeln mit je 6 Episoden á 30 Minuten besteht fast ausschließlich daraus, dass die Familie (z.T. mit Gästen) um den Fernseher sitzt, der die ganze Zeit läuft, und dabei auf eine sehr lethargische Art Konversation führt. Es gibt einige Running Gags (wie z.B. dass Barbara Dave und Denise fragt "What do you have for tea?"), einige zusammenhangslos dahingerotzte Kommentare über die laufende TV-Sendung oder den vergangenen Tag und ab und zu auch mal ein 'echtes' Gespräch über eine Sache, die die Familie angeht. Das ganze findet weitgehend in einer unglaublich lakonischen, langsamen, dysfunktional Art der Kommunikation statt. Die Figuren agieren verlangsamt, in Reden und Denken, und scheinen das Interesse an der Welt oft verloren zu haben und auch jede moralische Regung. Lediglich Vater Jim gibt den Polterer, der sich in heftigen Worten (Catchphrase ist "My arse") über die Welt mokiert. Die ganze Familie ist unglaublich faul, nur Sohn Anthony muss immer Dienste erbringen (z.B. Tee für alle machen). Bis auf ein Special (s.unten) verlässt die Familie nie die Wohnung und bis auf kürzer Abschnitte in der Küche spielt sich alles im Wohnzimmer ab. Ab und zu wird der langsame, lakonische Charakter mal durch lebhaftere Musikeinlagen (Vater Jim spielt das Banjo) unterbrochen.
Diese Art Humor muss man mögen. Es passiert ja fast nichts. Der Witz besteht aus unglaublich trockenenen und ironisierend vermeintlich 'lebensechten' Darstellung der Familie. Wenn man dazu keinen Zugang hat, dann wird man das ganz furchtbar finden (ein bisschen wie die sehr trockenen Loriot-Darstellungen des Familienspießertums der 70er Jahre, aber natürlich viel proletarischer und auch boshafter). Wenn man diese Art aber mag, wird man mit einer grandiosen Darstellung und wunderbaren Pointen belohnt. Der Höhepunkt sind die durchgehend grandiosen schaupsielerischen Leistungen, in denen dies kommunikative und moralische fast schon Verkommenheit der Mitglieder dargestellt wird, ohne dass diese je unsympathisch werden. Wie diese gaaaanz langsam "Yeaaaah" sagen können oder die immer wieder gleichen Floskeln betonen - das ist große Klasse. Ebenso wie sie durch Körpersprache und Mimik (unglaublich, was sie alleine mit ihren Mundwinkeln anstellen können) die Charaktere verkörpern. Ganz große Klasse.
Allerdings hat die Serie auch die zwei typischen Schwächen von Britcoms im Vergleich zu amerikanischen Sitcoms:
1. Der erzählerische Anteil ist etwas schwach. Es werden keine griffigen Geschichten erzählt und der gelegentliche Versuch, moralische oder sentimentale Anteile einzubauen kommt über sehr stanzenhafte Sätze ("I love you"; "I'll always care for you") nicht hinaus (s. unten).
2. Gelegentlich werden moralische Grenzen überschritten. Dies ist v.a. durchgehend in Staffel 3 der Fall, wenn sich das völlige Desinteresse an der Welt auch auf Denise und Davids neugeborenes Kind auswirkt, das in mancherlei Aspekten schon fast vernachlässigt wird. Das ist nicht mehr komisch. Es funtioniert auch humortechnisch nicht, denn natürlich wird es nicht wirklich vernachlässigt und dass man hier die Familie in einer bestimmten Art agieren lässt, um es dann doch wieder gleich abzumildern, lässt die aufgebaute Schärfe auch gleich wieder in sich zusammenfallen.
Die Box enthält weiter zwei einstündige Specials, die sich z.T. deutlich von den regulären Folgen unterscheiden:
1. "The Queen of Sheba" vertieft die Beziehung der nun krank gewordenen 'Nana', die bei der Familie einzieht, weil sie pflegebedürftig geworden ist (zeitlich spielt sie einige Jahre später). Das Special ist eine Folge von Einzelszenen und hat einen viel stärkeren erzählerischen, moralischen, psychologischen Impetus. Es geht mehr um die Gefühle der Figuren und ihre Beziehung zueinandern, hier eher im Stil von sentimentaleren amerikanischen Sitcoms. Das ist anders als der Rest (und deshalb auf der britischen Amazon-Seite auch kritisiert), aber ich fand es grandios. Hier gelingen die erzählerischen Anteile. Die Folge ist heiter-melancholisch im besten Sinne und unglaublich anrührend. Klasse gemacht.
2. "The New Sofa" ist ein Christmas-Special, das ausnahmweise in der Wohnung von Denise und Dave spielt. Es ist vergleichsweise klamaukafter angelegt, eher in der Art deutscher Comedyserien. Es geht etwas robuster zu als sonst, aber auf ungebrochen hohem Niveau. In England wegen der Stiländerung z.T. heftig kritisiert, fand ich die Episode toll. Sie ist anders als der Rest, aber für ein Specia finde ich das angemessen und der Klamauk ist toll gemacht.
Zur Sprachausstattung: Englisch mit englischen Untertiteln. Letzere braucht man auch, weil teilweise recht Slang gesprochen wird. Mit den UT ist das Verständnis aber recht gut, weil kein zu ungewöhnlicher oder idiomatischer Wortschatz gebraucht wird.
Fazit: Man muss das mögen (einfach mal Ausschnitte auf youtube anschauen), dann aber ist es eine grandiose Serie, die das Zeug zum Kult-Klassiker hat.