Vorbemerkung: Diese Rezension hatte ich am 15. Mai 1999 anonym ("Ein Kunde") geschrieben und hier eingestellt. Ich habe sie etwas überarbeitet und unter meinem wirklichen Namen noch einmal veröffentlicht. Ich hoffe, dass dadurch keine Irritationen entstehen.
Das Buch enthält sechs Vorlesungen, die Sir Isaiah (1909-1997) im April 1965 in Washington gehalten hat. Der russisch-jüdisch-britische Gelehrte ist der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vor allem als Politischer Philosoph ("Two Concepts of Liberty") und als Ideenhistoriker ("Against the Current. Essays in the History of Ideas", "The Crooked Timber of Humanity. Chapters in the History of Ideas", "Russian Thinkers") bekannt. Obwohl er (insbesondere) der britischen Aufklärung angehangen hat, hat er eine bemerkenswerte Gabe besessen, sich in das Denken von so unterschiedlichen Autoren wie Niccolò Machiavelli (1469-1572), Giambattista Vico (1668-1744), Johann Georg Hamann (1730-1788), Friedrich Heinrich Jacobi (1743-1819), Johann Gottfried Herder (1744-1803), Joseph Marie de Maistre (1753-1821), Alexander Herzen (1812-1870), Moses Heß (1812-1875), Karl Heinrich Marx (1818-1883) und Georges Sorel (1847-1922) hineinzuversetzen und ihre Gedanken so zu rekonstruieren, dass sie uns heutigen Lesern verständlich werden. Doch ging es ihm nicht nur darum, dass wir diese Gedanken verstehen können, sondern vor allem darum, dass wir erkennen, inwieweit und in welcher Weise diese Gedanken bis heute wirksam sind.
Dies gelingt ihm auch in diesem Buch.
Sir Isaiah sucht zunächst einen brauchbaren Begriff der Romantik herauszuarbeiten: Die Romantik ist die Gegenbewegung zur Aufklärung, alles, was diese verkündet, bestreitet sie. Dabei nehmen die Deutschen (Friedrich Schlegel, der späte Beethoven, Herder, Eichendorff, J. J. Winckelmann, J. G. Hamann, Büchner, zum Teil auch Kant) eine führende Stellung ein. Dieses Phänomen erklärt Sir Isaiah durch die Demütigung der Deutschen durch die Französische Fremdherrschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Die Deutschen konnten keine rationalistischen und universalistischen Franzosen werden, deshalb wurden sie das Gegenteil. Sie wurden nationalistisch und expressionistisch, sie verwarfen die philosophia perennis, die Idee einer objektiven Erkennbarkeit der Welt, und entdeckten und vergötterten den Willen. Die Romantik kulminierte im 20. Jahrhundert im Nationalsozialismus mit seiner hysterischen und nihilistischen Zerstörung der überkommenen Institutionen. Ästhetizismus und Voluntarismus, die bleibenden Wirkungen der Romantik, zeigen hier ihre hässliche Fratze.
Das Buch wartet mit funkelnden Formulierungen und überraschenden Perspektiven auf. Wer es gründlich liest, wird klüger.
Als wertvolle Dreingabe enthält es den von Sir Isaiah gesprochenen Text der 6. Vorlesung auf CD. Dass Sir Isaiah auch im Alter von 54 Jahren immer noch ein recht russisches Englisch spricht, ist nicht ohne Reiz.