Donna Clara! Für unselige Nachgeborene erscheint es einfach zu irre, was sich damals tatsächlich zugetragen haben muß. Zu einem Konzert einer solchen Truppe abgefreakter Bombenleger kommen eine halbe Million Leute in den ehrwürdigen Hyde Park in London. London, England, wo es (& nicht nur da) noch völlig an der Tagesordnung war, daß sich anständige Männer in Anzügen bewegten, lümmeln sich 5 langhaarige, verpennte Freaks auf die Bühne, um ein ganz zwangloses Getöse von sich zu geben. Ihr Sänger erscheint in einem weißen Rüschenröckchen, einer transvestierenden Ballerina gleich, und versucht sich Gehör zu verschaffen, denn er hat etwas Ernstes zu sagen. Es geht um den Abschied von Brian Jones, der 3 Tage zuvor starb. Jagger rezitiert ein Gedicht, zum Geleit Jones ins Jenseits. Gute Gedanken sollen ihn begleiten, wie es das tibetanische Totenbuch empfiehlt. In den Sequenzen, die die Stones außerhalb des Konzerts zeigen, kann man schon eine bedrückte Stimmung ausmachen. Doch Jones war ein Partymacher, und eine solche soll es heute auch werden. Aber er war auch zerbrochen an den Quärälen zwischen ihm, Jagger und Richards. Und so spielen die Stones grottenschlecht, eben wie eine Band, die sich neu finden muß und wo man meinen könnte, ein fieser Geist verdirbt jedes Ansinnen, ein vertretbares musikalisches Zusammenspiel hin zu bekommen. Man erkennt die Betroffenheit in Wymans Gesicht, die ungewohnte Aggressivität in der Art, wie Watts das Schlagzeug bearbeitet. Richards steht völlig dicht vor einer Verstärkerwand, die ihm seine brachialen Akkorde um die Ohren pustet. Und ein scheuer Jungspund gibt sich Mühe mitzuhalten, Mick Taylor. Allein Jagger versucht sich von der dunklen Wolke, die über ihnen schwebt, nicht beeindrucken zu lassen und läßt nach Kräften die Sau raus. Auf dem Bootleg, auf welchem das komplette Set dieses Konzerts vorliegt, kann man hören, daß es die ruhigen und gefühlvollen Stücke sind, die rüberkommen. In diesem Film ist leider davon nur eins vertreten: Love in vain. Dies ist ein echtes Manko des Films, daß nur eine kleine Auswahl an Stücken dargeboten wird. Andererseits ist es ein Dokument, in dem die Jugendkultur dieser Zeit skizziert wird: Rocker, Mods, Hippies. Die Stones, die alle vereinen, gegen das Establishment. Die Stones, die noch für etwas standen. Und darum geht es auch in diesem Konzert: eine Demonstration, daß eben nicht mehr die Anzugträger das Straßenbild, und vor allem das Denken bestimmen, sondern das, wofür die Jungen stehen. Scheißegal, wie heftig sie sich verspielen, wie schräge ihre Aufmachung vielleicht rüberkommen könnte, sie lassen sich nicht beirren.
Von heutiger Warte aus gesehen mutet es beeindruckend an, denn sie haben wirklich Schockierung und Empörung verursacht. Wer kann das heute noch? Wer kann noch polarisieren? In dem Plastikbrei, der uns heute um die Ohren und Augen gehauen wird, läßt sich sowas nicht mehr finden. Dafür die 4 Sterne. Für den kurzen Film mit geschnittenen Stücken, die nur ein kleiner Teil des Konzerts sind, einen Punkt Abzug.