Chris Reas erstes Live-Album! Und was für eins! Ein komplettes Konzert (wenn auch die verwendeten einzelnen Aufnahmen von unterschiedlichen Konzerten stammen) seiner letzten Europatournee 2006. Das Album bietet definitive Interpretationen einiger seiner besten Songs. Los geht's mit "Jazzee Blue", einem tollen Chicago Blues Shuffle, der als Opener hervorragend geeignet ist. Es folgt das jazzig angehauchte "That's the way it goes". Hier greift Chris Rea zur Bluesharp, die er allerdings nicht mit der gleichen Virtuosität wie die Slidegitarre spielt. Mit dem nächsten Titel "Where the blues come from" erreicht die CD ihren ersten Höhepunkt. Im Gitarrensolo beweist Rea einmal mehr, dass jeder einzelne Gitarrenton zählt. Leider endet das Slide-Solo etwas abrupt (ich hätte mir noch viele Chorusse mehr gewünscht), wird aber unmittelbar gefolgt von einem Keyboard-Solo. Danach geht das Stück nahtlos und überraschend in "Josephine" über. Rea hat inzwischen zum Banjo gewechselt und man hört im Song ein weiteres Keyboard-Solo. "Work Gang" ist ein Titel der durchaus auf einem so genannten Work Song basieren könnte. Vielleicht existiert dieser sogar, denn ich habe ihn im Ohr als "Long gone, yes you're long gone ..." Im Mittelteil wird das Stück jedoch rockiger, behält den Rhythmus aber bei. Hier wird die Adaption von Work-Song Rhythm in der Rock Musik sehr deutlich.
"Head out on the highway" ist ein sehr sparsam und leise instrumentiertes Stück. Die Slide-Gitarre erinnert hier ein wenig an Lap-Steel Gitarristen wie Reverend Lonnie Farris. "Easy Rider" beginnt als reiner Country Blues. Robert Ahwai spielt hier einen Riff der an John Lee Hooker erinnert. Der folgende zweite Höhepunkt der CD "'Til the morning" beginnt mit einem grandiosen meditativen 2 1/2-minütigen Slidegitarren-Solo. Erinnerungen an Blind Willie Johnsons "Dark was the night" werden wach. Die folgenden Gitarrensoli des Songs zelebrieren den singenden Gitarrenton von Tampa Red oder Robert Nighthawk. "Stony Road" basiert auf einem schier unendlich klingenden Groove und ist weniger melodieorientiert. Das Gitarrensolo ist eher rockorientiert angelegt. "KKK Blues" ist ein sehr düsteres Stück. Die beängstigende Atmosphäre passt jedoch vollkommen zur inhaltlich ernsten Thematik des Stücks. Diesmal spielt Chris Rea ausschließlich Mundharmonika, die hier sehr effektvoll eingesetzt wird. Sylvin Marc übernimmt die Gitarre und am Ende des Stücks hört man ein brillantes Dobro-Solo von ihm. Ein weiterer Höhepunkt der CD ist die fast akustisch klingende Version von "Julia". "Stainsby Girls" bildet den Abschluss der ersten CD und übertrifft ebenfalls die Studioeinspielung.
Die zweite CD startet mit dem wunderschönen "Somewhere between Highway 61 and 49". Das Stück beginnt ganz im Stil eines Country Blues. Reas und Ahwais Gitarren bilden hier ein tolles Tandem mit kurzen Einwürfen, die z.T. wie Frage und Antwort wirken. Nach Roberts Gitarrensolo folgt Reas Gitarrensolo und arbeitet sich langsam bis zum abschließenden Höhepunkt des Stücks hoch. Eine der größten Überraschungen der CD ist das völlig umarrangierte "I can hear your heartbeat". Es beginnt zunächst als klassische Soulnummer die den frühen 1970er Jahre entstammen könnte. Nach einem Piano-Break wandelt sich das Stück zu einer Ballade mit einem einfühlsamen Slide-Solo, um dann nach einem kurzen Ausflug in Reggae Gefilde schließlich zum Originalriff des Songs zu finden. Die unterschiedlichen Stilistiken zeigen nicht etwa eine musikalische Unentschlossenheit, sondern weisen vielmehr auf das musikalische Potential des hervorragenden Songs hin. "Road to hell" mit seinen angeschliffenen und schneidenden Slidetönen im Intro war schon während der Tournee ein Höhepunkt der Konzerte, akustisch genauso wie optisch. Die auf der CD verwendete Version ist schlichtweg grandios! Das nächste Stück "On the beach" überzeugt wieder mit einem überragenden Arrangement gegenüber den beiden bislang veröffentlichten Studioeinspielungen. Vor allem Robert Ahwai brilliert mit einem jazzig angehauchten Solo. Mit "Let's dance" folgt ein Rock'n'Roll Song der das offizielle Konzertprogramm beendet. Als Zugabe (bzw. als Bonus Track auf der CD) folgt dann noch "Fool if you think it's over". Das Original auf Reas erstem Album ließ bereits das musikalische Potential des Songs erahnen. Hier liefert er nun live eine gereifte und definitive Version, gepackt in ein soulig-jazziges Gewand.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Chris Rea mit seiner neuen Live-CD ein Album vorgelegt hat, das alle Facetten seines Könnens zeigt und einen sehr guten Überblick über sein Gesamtwerk bietet. Kaum ein anderer heutiger Slidegitarrist verfügt über Reas musikalische Flexibilität und seine unglaubliche Virtuosität. Für mich gehört er mittlerweile zu den führenden Bluesmusikern weltweit, auch wenn ihm in Blueskreisen leider noch immer nicht die gebührende Achtung widerfährt. Weiterhin auch erstaunlich mit welcher Leichtigkeit es Chris Rea gelingt, im positiven Sinne musikalische Sounds vergangener Tage wieder zu beleben ohne die damaligen Songs zu covern.
Abschließend kommt mir ein Vergleich in den Sinn: "Je älter, umso besser!" Auch Chris Rea scheint ähnlich einem guten Wein mit den Jahren zu reifen und liefert hier ein definitives Live-Album, an dem es nichts auszusetzen gibt!