Wie jeder andere Mariah Carey-Fan auf diesem Planeten habe auch ich mich gefragt, warum Sony mehrere Jahre nach Beendigung der Zusammenarbeit ein Remix-Album mit Songs der erfolgreichsten Sängerin aller Zeiten rausbringt. Wie auch immer, ich brauchte mehrere Wochen Bedenkzeit und eine kleine Entscheidungshilfe in Form eines überragenden Livekonzerts, bis ich mich zum Kauf dieser Scheibe durchringen konnte. Und - es hat sich mehr als gelohnt! Zwar bietet die Doppel-CD für Hardcorefans nur wenig neues Material, doch endlich kann man die rasante Entwicklung vom ferngesteuerten Pop-Aschenputtel zur anerkannten R'n'B-Künstlerin praktisch im Minutentakt miterleben. Überraschenderweise zeigt diese CD für mich auch eines sehr klar auf: die Zeit für Menschen wie David Morales oder Junior Vasquez ist einfach abgelaufen. Die besten Beweise liefert dieses Album im Direktvergleich: während z.B. "My All" in der Morales-Remixversion zwar ordentlich tanzbar ist, aber keinesfalls als Meisterwerk der Musikgeschichte eingeht, erzeugt die Lord Tariq/Peter Gunz-Version einfach nur Gänsehaut. Und das kann man einem Mann verdanken, der meiner Meinung nach zur Creme de la Creme der heutigen Musikszene gehört: Jermaine Dupri. Während David Morales sich auf ein kommerziell erfolgreiches, künstlerisch jedoch äußerst zweifelhaftes Man-nehme-eine-Ballade-und-unterlege-sie-mit-Bum-Bum-Bum beschränkt, spielt Dupri mit neuen Melodien, läßt die Lyrics neu einsingen und mischt die Haupttracks mit neuen, größtenteils unbekannten Songs ("My All" geht nahezu übergangslos in "Stay awhile" über). Am wichtigsten: er weiß offenbar mit einer wundervollen Stimme, wie Mariah sie nunmal hat, umzugehen. Und so zieht sich der Computermensch-gegen-Vollblutmusiker-Faden durch die ganze CD: hier der Classic Mix von "Honey" im steril-unterkühlten Stile eines David Morales, dort der groovige SoSoDef-Remix, auf dem Da Brat und Jermaine Dupri ordentlich mitmischen dürfen. Als kleine "Dankeschöns" gibt es das in Europa bis dato unveröffentlichte "Miss you", das in Amerika nicht veröffentlichte "Sweetheart" (mit Jermaine Dupri) und den SoSoDef-Remix vom Charmbracelet-Track "The One". Weitere Anspieltipps: Die von Clivilles & Cole produzierten Remixe von "Anytime you need a friend" und natürlich "Emotions", bei denen man sich unweigerlich fragen muß, welche musikalischen Highlights die Menschheit durch den sinnlosen und viel zu frühen Tod von David Cole verpaßt hat. Alles in allem eine runde Sache. Oder liegt der wahre Grund vielleicht darin, dass die "alten" Tracks von Mariah immer noch weitaus besser laufen als die aktuellen Titel der Sony-Kandidaten...?