Viele Bands werden als Kultbands bezeichnet, doch nur ganz wenige sind es auch in der eigentlichen Bedeutung des Wortes. Zumindest ist meiner Meinung nach nur die Band eine Kultband, die in der Lage ist, mit ihrer Musik und ihrem Auftreten eine verschworene, unverwüstliche Fangemeinde für sich zu vereinnahmen. Eben beinharte Anhänger der Band, die um sie eine Art "Kult" bilden und ihre Alben zu echten "Kultobjekten" erheben. Mit einem dieser "echten Kultobjekte" haben wir es hier zu tun. Wohl kaum eine andere Band außer Faith No More hatte in den Neunzigern eine derart hartnäckig dauerhaft begeisterte Fanmasse hinter sich. Schon frühe Alben wie z.B. "Introduce Yourself" konnten im Underground mächtig Staub aufwirbeln, doch erst mit dem Einstieg von Frontderwisch Mike Patton verwandelten sich Faith No More in die unbequemste, durchgeknallteste, und musikalisch streng genommen unkommerziellste Anarcho - Crossoverband, die die Welt bisher gesehen hatte. Die Musik auf "The Real Thing" durchläuft Stadien von poppigen Crossoverhymnen ("From Out Of Nowhere", "Falling To Pieces") über klassische Metaleinlagen ("Surprise! You're Dead" und das göttliche Black Sabbath - Remake "War Pigs") bis hin zu komplett durchgedrehten musikalischen Kabinettstückchen ("Epic", "Woodpecker From Mars", "Edge Of The World"). Eigentlich eine sehr sperrige Mixtur, die nicht jeder auf den vorderen Rängen der Charts erwartet hätte, doch die amerikanische Jugend drehte total durch, verhalf der Band und dem Album zu nicht weniger als drei Hitsingles, und auch in Deutschland begann die Faith No More - Hysterie, die hierzulande allerdings erst mit dem nächsten Album "Angel Dust" so richtig an Fahrt gewinnen konnte. Der trockene Sound, die klugen Ideen und der unbeschreiblich schöne "wir-spielen-was-wir-wollen" - Eindruck, den "The Real Thing" noch heute hinterlässt, konnte jedoch von der Band leider nie wieder in dieser Lässigkeit und Glaubhaftigkeit reproduziert werden (auch nicht auf "Angel Dust"!). Als dann auch noch der langjährige Gitarrist Jim Martin, der gleichzeitig auch noch ein auffälliges optisches Merkmal der Band darstellte, wegen musikalischer Zwistigkeiten ausstieg, ging es zumindest musikalisch so langsam bergab. Zwar hatten auch spätere Faith No More - Alben wie "King For A Day, Fool For A Lifetime" und "Album Of The Year" ihre gelungenen Momente, doch blieb "The Real Thing" absolut unerreicht. Letztendlich zog auch die Band selbst ihre Konsequenzen und löste sich auf. Seitdem geht fast jeder der Musiker seiner jeweiligen Solokarriere nach (besonders auffällig dabei die absolut wirren, doch musikalisch sehr fundierten Kakophonie - Orgien von Mike Patton's Band Mr. Bungle). Drummer Mike Bordin ist seit einigen Jahren regelmäßig im Umfeld fast jeder musikalischen Darbietung von Heavy Metal - Uropa Ozzy Osbourne zu hören und sehen gewesen. "The Real Thing" bleibt letzten Endes ein unverzichtbares Muss für jede gescheite CD - Sammlung (nicht nur im Metalbereich).