Nachdem Nada Surf mit dem Collegehit "Popular" zum regelrechten One Hit Wonder avanciert waren, glaubte wohl keiner mehr an Matthew Caws (vocals, guitar), Daniel Lorca (bass, vocals) und Ira Elliot (drums, backing vocals). War ihr Debütalbum "High / Low" noch ein recht dreckig produziertes Garagenrockalbum, war hier ganz klar das Ziel sich mit dem Album mehr in Richtung Indie zu bewegen, bei dem, mehr als beim Debüt, die Melodien im Vordergrund standen.
Man darf sich getrost fragen, woran sich die Plattenbosse eigentlich den Kopf gestoßen haben, als sie die Veröffentlichung in den Staaten ablehnten, weil sich angeblich "keine Single" auf dem Album befände, hätte doch jeder Song auf "The Proximity Effect" eine tolle Single abgegeben und auch an Eingängigkeit hätte es bei diesen tollen Popsongs nicht gefehlt. Die einzige Erklärung hierfür ist wohl auch der Grund, warum Nada Surf auch heute noch in kleinen Clubs spielen: Ihre Musik braucht Zeit. Das mag angesichtlich der doch eingängigen Songs anfangs recht seltsam klingen, es ist entspricht jedoch der Wahrheit. Bis heute ist mir niemand bekannt der Nada Surfs Lieder anfangs nicht auf "gewöhnlich" oder "unspektakulär" eingeschätzt hätte. Erst später springt der Funke über, dann aber auch richtig. Eingängigkeit hin oder her, das Album erschien nur in Europa und trotz recht guter Kritiken wurde weder eine Single veröffentlicht noch das Album in sonst irgendeiner Weise promotet. Da die Veröffentlichung so unglaublich versteckt geschah, entdeckte so mancher europäischer und fast jeder amerikanische Fan erst beim folgenden Album "Let Go", mit dem Nada Surf wieder etwas mehr ins Licht der Öffentlichkeit rückten, dass sie überhaupt ein zweites Album veröffentlicht hatten. Aber genug zum Hintergrund, hier gehts ja um die Musik:
Bei den ersten Tönen des Openers "Hyperspace" läuft mir auch noch dem 1000. Hördurchgang ein kalter Schauer den Rücken hinunter, einfach wegen der Vorfreude auf dieses großartige Gitarrenpopalbum. Der Opener wirkt sehr treibend und hat einen Refrain, bei dem einem so manches um einen herum scheissegal wird. Ähnlich wie schon bei "Hyperspace" weiss man auch bei "Amateur" nicht so wirklich, ob man freudenerfüllt herumspringen oder zu Tränen gerührt sein soll, vor allem angesichts des Textes, bei dem ich mich echt gefragt habe, ob Herr Caws mich wohl kennt ;-).
80 Windows ist vielleicht der zentrale Track diese Überalbums, er beinhaltet die wahscheinlich treffendste Zeile ("the moon is closer to the sun than i am to anyone") und mit ihm kehrt auch erstmals Ruhe ein.Wenn es hier etwas zu rütteln gibt, dann ist es wohl "Mother's Day", bei dem Nada Surf wohl versucht haben ein zweites "Popular" zu schreiben, gefällt mir persönlich jedoch sogar etwas besser.
"Troublemaker" glänzt nicht nur durch einen Text, der in so mancher Situation meines Lebens schon wie die Faust aufs Auge gepasst hat, sondern auch durch interessanten Rhythmuswechsel zum Mittelteil hin, und auch hier vergisst man alles um sich herum, ist jedoch gleichzeitig näher an der Realität als man es sein möchte.
"Bacaradi" tänzelt dann mit seinen Tempowechseln gekonnt zwischen fröhlich und unglaublich betrübt (toller Text inklusive) , während "Bad Best Friend" mit Beatles Zitaten aufwartet und die nötige Abwechslung darbietet. "Dispossession" bezaubert und hypnotisiert mit seinem ungwöhnlichem Rhytmus, während "The Voices" wohl jedem aus dem Herzen spricht, der schonmal unglücklich verliebt war. Mit "Firecracker" folgt dann der einzige Song, zu dem es auch ein Video gab und stellt den vielleicht lautesten und energischsten Track der CD dar, der vor allem vom perfekten Zusammenspiel von Daniel und Ira lebt.
"Slow Down" ist mein persönlicher Lieblingssong von "Proximity Effect", ein Song der sich bis zum Ende hin steigert, wunderbar instrumentiert, traumhaft schön und wieder einer dieser Texte, bei denen man sich direkt angesprochen fühl. Überhaupt sind die Lyrics hier atemberaubend großartig ohne große Theatralik auf den Punkt gebracht und man fühlt sich einfach verstanden. "Robot", der abschließende Song, zeigt auf 4 Minuten wie viel Abwechslung ohne Tempowechsel man in ein Lied packen kann, nur mit Einsatz von Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang.
"Spooky" erschien als Bonustrack auf der Wiederveröffentlichung von "The Proximity Effect". Ein großartiger Rocksong, bei dem man sich fragt warum der nicht auch auf der Erstversion erschien. Natürlich nur als Sahnehäubchen, als einer von vielen großartigen Songs. Nicht um einen "schwächeren" zu ersetzten. Pfffttt. Welchen denn?
Mit den Alben "Let Go" (2003) und "The Weight Is A Gift" (2005) veröffentlichten Nada Surf zwei weitere brilliante Popalben. Die Magie, die jedoch bei "The Proximity Effect" in der Luft liegt, konnten sie jedoch kein zweites Mal einfangen.