John Tavener zeigt sich auch in diesen Werken als Vertreter einer "anderen Moderne", die sich durchaus als Musik des 20. Jahrhunderts zu erkennen gibt, doch dabei von religiös-spirituellen Gedanken, nicht von den Materialdiskussionen oder den gesellschaftskritischen Ansätzen vieler Kollegen, inspiriert ist.
Äußerlicher Eindruck: Wohltuend, daß uns das Cover der CD den zuweilen unerträglich guruhaften Anblick des Komponisten erspart! Nicht einmal im Booklet ist ein Bild Taveners, der sich doch sehr gerne in Szene setzt, zu sehen.
Zur Musik: "The Protecting Veil" (Das schützende Velum) ist gleichsam ein marianischer Durchgang durch die Lebensstationen Jesu Christi, der Hörer wird - gleich einem Rosenkranzbeter - in die Verkündigung und die Geburt zu Bethlehem ebenso wie in das Leiden des gekreuzigten Herrn und die Auferstehung einbezogen, um am Ende die "Dormitio", die Entschlafung der Gottesmutter, mitzuerleben. Ein meditatives Cellokonzert, mit weitem Atem und tiefer Einfühlung gespielt von France Springuel.
Das zweite Stück der CD ist ebenfalls der Dormitio gewidmet: "The last sleep of the Virgin", eine wundervoll stille, in teilweise orientalisch-fremdartigen, doch ätherisch verklärenden Harmonien schwebende Komposition für Streicher und Handglocken. Sie gehört zum Eigenartigsten, was es in dieser Art gibt. Rudolf Werthen gelingt mit seinen Musiker von I Fiamminghi eine erstklassige, überaus atmosphärische Interpretation, die besser nicht denkbar scheint.
Allein "The last sleep of the Virgin" würde den Kauf der CD schon völlig rechtfertigen!