Abgesehen von einer kurzen Liste mit einigen Stichworten, was bis 2010 in der Karriere von The Prodigy passierte, also immerhin ihr wohl bekanntestes Album The fat of the land mit dem Riesenhit Firestarter, ist dieses Buch lediglich die deutsche Übersetzung des 1995 erschienen Titels "The Prodigy - Electronic Punks: The Early Years 1988-1994".
Martin Roach weiss allerhand Anekdoten vom Tour-Leben der britischen Band zu berichten. Er erzählt die Geschichte von Liam Howletts Projekt, angefangen bei dessen Wurzeln im HipHop über Rave hin zum Headliner auf Rock-Festivals. Bereits vor The fat of the land musste die Band mit Ausverkauf-Vorwürfen leben. Amüsant wie Liam die HipHop-Szene in England erlebte: finster gucken und möglichst cool aussehen. Das wurde dem jugendlichen Howlett zu langweilig, also probierte er die offenere, friedlichere Rave-Kultur aus, in der er erst als innovativer Vorreiter gefeiert und spätestens nach dem Album-Debüt Experience von elitären Szene-Magazinen und versnobten DJ's boykottiert wurde. Besonders lustig: eine neue Single von Howlett, die unter Pseudonym veröffentlicht und von Underground-DJ's begeistert gespielt wurde, bis bekannt wurde, dass sie vom Prodigy-Musiker stammte und somit nicht mehr aufgelegt wurde.
Ecstacy und THC werden in diesem Buch mitunter etwas zu sehr gelobt. Allerdings wird auch betont, dass mit zunehmender Popularität der Rave-Szene E mit Amphetaminen gestreckt und somit deutlich gefährlicher wurde als in den Anfangstagen der Szene. Howlett reiche ohnehin der Kick den ihm die Musik und besonders die Live-Auftritte geben, so schreibt es Roach. Deshalb habe es nach einem wenig geglückten Auftritt auf E auch nur noch abstinente Shows gegeben. Und: keine Proben mehr! Denn dabei kamen sich die Tänzer Keith und Leeroy und MC Maxim reichlich albern vor.
Miese Albenverkäufe in den USA. Boykott von Top of the Pops um nicht als Stars zu gelten, ein Konzept das nicht zur Rave-Kultur passte. Eine lebhafte Schilderung von britischen Szene-Clubs und vor allem sehr viel über Howletts Art zu Komponieren (mit seinem Roland W-30) sind weitere Themen dieses Buchs. Im Mittelpunkt steht eindeutig Liam Howlett, über Keith Flint gibt es einige, über Leeroy und Maxim nur sehr spärliche Infos.
Durch die Beschränkung auf die ersten Singles wie Charly und die beiden ersten Prodigy-Alben wirkt das Buch wie ein Bericht über eine Zeit, die lange her und längst vorbei ist: die Rave-Kultur. Ob The Prodigy nun wirklich die wichtigste Rockband der Neunziger waren, da ihre Musik anders als Grunge und Britpop eigenständiger und innovativer gewesen sei, wie es in diesem Buch heisst, erscheint mir mehr als fraglich. Interessant wären einige Worte über Musiker wie The Chemical Brothers gewesen und generell auch etwas weniger Lobhudelei. Sehr unterhaltsam und interessant ist das Buch aber dennoch!
221 Seiten, Softcover, s/w-Fotos, Interview mit Liam Howlett von 1994, Diskografie 1991-1994, Übersetzung: Kirsten Borchardt, Hannibal 2010