Die Enthüllungsjournalistin Rhoda Gradwyn ist seit ihrer Kindheit im Gesicht durch eine Narbe verunstaltet, die ihr ihr Vater in einem seiner volltrunkenen Gewaltausbrüche zugefügt hat. Obwohl sie sich an die Reaktionen ihrer Mitmenschen gewöhnt hat, beschließt sie, die Narbe operativ entfernen zu lassen. Die schwierige Aufgabe soll kein Geringerer als Dr Chandler-Powell übernehmen, einer der besten plastischen Chirurgen des Landes. Weit entfernt von London, im exklusiven Rahmen seiner Privatklinik in einem historischen alten Herrenhaus, sollen der Eingriff und die Folgen über die Bühne gehen. Gradwyn ahnt nicht, daß nicht der Eingriff sie das Leben kosten soll...
In ihrem aktuellen Krimi schafft P.D. James eine Atmosphäre, die geradewegs aus einem Agatha-Christie-Klassiker entnommen sein könnte: eine überschaubare Anzahl von Verdächtigen an einem abgeschlossenen Ort, der zudem über ein gediegenes Ambiente verfügt, ein Mord unter Umständen, die keine CSI-Methoden erforderlich machen; die Verdächtigen werden klassischerweise in der Bibliothek versammelt und der angereiste Kommissar löst den Mordfall mit Köpfchen und minutiösen Recherchen, ohne Zuhilfenahme moderner wissenschaftlicher Methoden, ohne rasante Verfolgungsjagden oder Schußgefechte.
Die Szenerie ist very british, in einem historischen englischen Herrenhaus mit Bediensteten und Gärtner, Gespenst und vom Meer heraufwaberndem Nebel. Gäbe es nicht vereinzelt Hinweise auf moderne Technik mit Internet und e-Mail, könnte der Fall genausogut in den 60er oder 70er Jahren oder noch früher spielen. Auch Adam Dalglieshs Beziehung zu seiner Verlobten Emma Lavenham bewegt sich in einem ähnlich traditionellen Rahmen: er wirbt bei ihrem Vater um ihre Hand und läßt sich über seine finanziellen und privaten Verhältnisse ausfragen und, ganz der Gentleman, plant im Armstuhl zu nächtigen, als Emma ihn bei den Ermittlungen besuchen kommt. Da wirkt es schon fast unerhört, als ein homosexuelles Paar in ihrem Bekanntenkreis angegriffen wird und Emma ihn um die Übernahme der Ermittlungen bittet.
Die traditionelle Atmosphäre setzt den Fall zwar in die Tradition des englischen Krimis und bietet viel Authentizität, allerdings nimmt dies der Geschichte auch den Schwung und läßt sie wie einen Barnaby-Krimi sehr ländlich und beschaulich wirken. Etwas mehr Tempo und ein aktuelleres Setting, etwas Humor und auch ein bißchen mehr Spontaneität von AD, der den Ruf des Poeten und Feingeistes unter den englischen Kommissaren innehat und der hier doch sehr zugeknöpft agiert, hätten der Geschichte gutgetan.