Anno 1993 hat sich der schwarze Brite Philipp Bent mächtig ins Zeug gelegt und ein sehr »modernes«, amerikanisch klingendes Debüt vorgelegt. Von seinen hohen Ansprüchen zeugt bereits die im Booklet abgedruckte Liste der Inspirationsquellen: Miles Davis, Kate Bush und sogar Prince sind darunter, größer geht es kaum! Immerhin findet sich mit Hubert Laws auch ein anderer Jazz-Flötist.
Die knapp 50minütige Sammlung aus zehn Stücken, von denen alle ins Zeitraster des Popsongs passen, gibt sich von Anfang an unbescheiden - also genialisch. »The Pressure« ist auf Dave Grusins sehr bekanntem Fusion-Label GRP erschienen und offensichtlich für den breiten Pop/Club-Markt bestimmt (gewesen). Bent versucht, die gesamte Bandbreite schwarzer Musik mit seinen Song abzudecken - und scheitert daran natürlich. Die »Einflüsse« seiner musikalischen Vorbilder sind auf vielen Songs überdeutlich herauszuhören, was jedoch kein Nachteil sein muss.
Prinzipiell erschwerend kommt für Bent dazu, dass er sich auf ein einziges Instrument kapriziert - obwohl gerade im Jazz eine Menge Altsaxofonisten (zum Beispiel Tim Eyermann) die Flöte als »Nebeninstrument« meisterhaft beherrschen.
Song 1: Die HipHop-Flute-Mischung »Do For You« kam damals auch als Single in die Läden und hörte sich an, als hätte Prince seinen Flötisten Eric Leeds für einen mittelguten Remix ins Studio geholt. Wie Leeds spielt Bent eher die mittleren Lagen, ganz hohe Töne oder ganz tiefes Brummen sind nicht sein Geschäft. Allerdings verfügt Leeds dadurch, dass er diverse Saxofone beherrscht, über das weitaus größere Klangspektrum. Eine mir unbekannte Sängerin namens Anita Kelsey steuert recht beliebigen Soul bei - sie ist als Texterin und Sängerin auch auf weiteren Stücken zugegen.
Song 2: Der alte Klassiker »The World Is A Ghetto« hört sich in Bents mit sterilen Computersounds aufgeputzter Version ebenfalls wie ein eher liebloser Remix an - daran ändert auch die Stimme Will Downings nichts.
Song 3: Mit dem rein instrumentalen »Swing It« geht dann tatsächlich die Sonne auf. Bent stützt sich hier auf ein natürliches Quintett elektrisch spielender Jazzer. Darüber legt Bent seine eher verhaltenen Flötenläufe, wieder hauptsächlich in den mittleren Lagen. »Swing It« ist unaufdringlich, sehr gut und auch heute noch im Kulturradio zu hören. Trotz blödsinnigem Ausblenden am Schluss der beste Song des Albums!
Song 4: Textlich dürfte die gut durchschnittliche Soul-Ballade »One Man And His Music« zu hoch gegriffen sein - klingt etwas nach »The Man With The Horn« von Miles Davis, das ist für mein Empfinden mehr als der Hauch von Selbstbeweihräucherung. Allerdings singt eine gewisse Gina Foster besser als die erwähnte Kelsey.
Song 5: Ausgerechnet der Titelsong geht spurlos am Hörer vorbei. Dramatisch-nerviges Programming, Remixsounds, gewöhnlicher R'n'B-Gesang.
Song 6: Das elegische »Black Pain« ist mit seinen verschwebenden Sounds und der hohen Sopranstimme von Kelsey eine selbst geschriebene »Coverversion«, die sich unüberhörbar an Kate Bush orientiert. Im Gesamtzusammenhang ein Fremdkörper.
Song 7: Noch tiefer in die Kiste der Sounds der Tanzschuppen greift »Freedom Jazz Dance« - das gesamte rhythmische Gerüst ist künstlich, eine zweite »Stimme« besteht aus Scratching; und ein Sample von James Brown darf dabei nicht fehlen. Dieser Art von Musik haben siebzehn Jahre, die seitdem vergangen sind, hart zugesetzt! Die damals »modernen« Klänge, die wiederum stark an damalige Remixe von Prince erinnern, sind eben am allerschnellsten veraltet. Allerdings versucht sich Bent hier an den kantigsten Tönen des ganzen Albums (hier vergleichbar Eric Leeds Solo-Alben), und das rettet den Song hinüber in unsere Zeit.
Song 8: »James«, weitestgehend »natürlich« eingespielt, ist funky und flott. Warum eine Gitarre im Hintergrund kratzig mitspielt, kann ich nicht sagen. Mit Jazz hat das alles nur noch entfernt zu tun, eher mit Vorspann-Musik für amerikanische Fernsehkrimis. Gut hörbar, aber nichts für die Ewigkeit.
Song 9: »Phillip's Blues« ist ebenso wenig Blues wie »Swing It« ein Swing ist. Doch die hierin vermittelten Sounds sind eindeutig Jazz-Klänge! An der Mitwirkung des rau und unangepasst aufspielenden Saxofonisten Cortney Pine liegt es nicht allein, dass dieser Song der zweitbeste des Albums ist (leider wieder nur mit Fade-Out).
Song 10: Über Keyboard-Teppichen sich verströmend, klingt »In A Sentimental Mood« (von Ellington) bei Bent leider nicht sentimental, sondern eher esoterisch-versponnen.
Fazit: Das Album bietet nur zwei Stücke (3; 9) mit echt jazz-artigen Blue Notes. Die eigentlich ambitionierte Kantigkeit von Song 7 zeigt leider auch auf, dass Bent nicht zu den allerbeweglichsten Spielern seines Fachs gehört, von der Virtuosität eines Tim Eyermann ist er weit entfernt. Letztlich klingen viele seiner Flötenläufe ausgebremst und »geübt«. Dennoch ist die Scheibe insgesamt ziemlich gut hörbar, besonders dann, wenn man die »hippen« Sounds der frühen Neunziger noch aus eigenem Erleben kennt.
Damals hätte ich der Platte vier und einen halben Stern angeheftet, heute reicht es für drei.
Der Künstler heute: Bents Produzent schrieb damals im Booklet ganz unbescheiden, dass Bent eine große Karriere als Flötist, Komponist und Arrangeur ins Haus stehe. Dazu ist es nie gekommen. Bent spielte danach auf einigen Studiotracks anderer Künstler mit, brauchte aber nach meinen Kenntnisstand bis 2008, um selbst wieder ein Album zu verfertigen.
Da das Debut-Album anscheinend für den großen Popmarkt aufgelegt wurde, ist es heute offensichtlich im Übermaß vorhanden. Man kann mit absoluter Sicherheit davon ausgehen, dass sich an dem dadurch entstehenden sehr, sehr guten Preis-Leistungsverhältnis (wie auf den Amazon-Seiten zu sehen) die nächsten hundert Jahre nichts ändert. Deshalb spreche ich - trotz alledem - eine unbedingte Kaufempfehlung aus.
Frank Neugebauer, September 2010