Wer nuschelt da: "They don't make 'em like they used to anymore"? Auf einige Gegenstände des täglichen Gebrauchs trifft das zwar zu - Bierdosen, VW Golf, 7-inch-Singles - aber die Tradition, Soul und R&B-Musik in einer gross angelegten, revue-ähnlichen Form zu präsentieren, wird von Wyclef Jean in der Nachfolge der grossen Namen von Stax, Atlantic und Motown weiter gepflegt.
Parties will er feiern, mit vielen tollen Gästen, und tatsächlich geben sich diese die Klinke in die Hand: Wyclef versammelt auf "The Preacher's Son" viele Grössen der New Yorker Hip-Hop-Szene und einige lebende Musik-Legenden. Selig sind die Eingeladenen zum Feste, wenn der Sohn eines Predigers im Duett mit Missy Elliott eine "Party To Damascus" schmeisst (genialer Dancefloor-Abräumer), mit Carlos Santana "Three Nights In Rio" durchmacht, mit Soul-Diva Patti LaBelle in "Celebrate" zu einer "Basement Party" einlädt ("a barbecue, how we used to do, on the avenue"), mit Kollegin Monica in der Rolle des Highschool-Sweethearts eine "Class Reunion" feiert, um schliesslich mit seinen haitianischen Landsleuten von T-Vice eine karibische "Party By The Sea" aufzuziehen.
Die Musik ist entsprechend dieser Thematik multikulturell - der "Perfect Gentleman" ist auch musikalisch ein Weltbürger - und immer party-fähig: es gibt Salsa, charts-taugliches Tanzfutter, klassischen Soul mit Gospel-Roots (das Duett mit LaBelle), arabische und indische Einflüsse ("Damascus", logo, und "Rebel Music" mit Mobb Deep-Rapper Prodigy), dazwischen noch Poppiges und allerdings dann auch recht Seichtes, und mit "Baby" die unvermeidliche Slow-Blues-Ballade zum Engtanzen im Stil Otis Redding oder Solomon Burke. Der Glaube besiegt auch die Angst vor dem Kitsch, oder ist es der Humor? "Take Me As I Am", das Duett mit Soul-Sternchen Sharissa, zielt offenbar auf die legendären Glanznummern von Marvin Gaye und Tammy Terrell ab und fällt gleich zu Beginn voll mit der Tür ins Haus: "I wanna send this one out to my vanilla ice-cream chocolate pudding pie", stolpert der Mann ins Zimmer seiner Angebeteten, die Rosen im Hinfallen über den Teppich verteilend, und die überrumpelte Schöne bezeichnet ihn postwendend als "my banana that never split". Wie die Verliebten eben manches gerne überstürzen. Ob das eine Parodie oder eine Hommage sein soll, ist egal: Eine gelungene Stilübung ist es in jedem Fall.
Wer sich an den sentimentalen Exzessen dieser Art nicht stört, der findet neben Songs fürs Herz und fürs Tanzbein auch solche für den Kopf. Recht so, schliesslich ist auch der Intellekt ein Teil des Seelenlebens. Familiengeschichten sind ein wiederkehrendes Thema in den Texten, wiederum einen Bezug zum Albumtitel herstellend. "Next Generation" (mit Rap-Veteran Scarface und der Busta Rhymes-Entdeckung Rah Digga) portraitiert Waisenkinder, die in der Gang ihre Ersatzfamilie sehen; "Baby Daddy" (mit Def Jam-Rapper Redman) befasst sich mit den Gefühlen des Stiefvaters gegenüber den Kindern seiner Neuen aus einer früheren Ehe. "Celebration" mit der Aufforderung zur "family reunion" beim Barbecue besetzt das Thema zum einzigen Mal positiv. Das ungewohnt düstere "Industry" wird schliesslich der sozusagen erweiterten Familie gewidmet: Über den Backing Track von "What Becomes Of The Broken-Hearted" rezitiert der Prediger eine Litanei der Namen verstorbener Hip Hop-Stars. Und es muss mal gesagt werden, alle diese "ernsten" Songs behandeln ihre Themen adequat und gehen unter die Haut bis ins Herz.
Aber auch die erwähnten Party-Songs sind durchweg Highlights. Und noch zwei, die in kein Schema passen, wohl aber in den Zusammenhang der grossen Soul-Revue "The Preacher's Son": Das wunderschöne "Linda", mit einem genial einfachen Gitarren-Thema von Carl Restivo. Und "Who Gave The Order", das klingt wie ein klassischer "Rock-Steady" aus der Steinzeit des Reggae, aber hochaktuell in Zusammenarbeit mit Buju Banton entstanden ist.
Wäre weniger mehr gewesen? Vielleicht - ein paar seichte Songs haben wenig Wasser unterm Kiel. Aber betrachten wir die Show als Ganzes, und wir stellen fest, dass jedes Teil davon zu den anderen passt und zur Vollendung des Ganzen beiträgt.
They still make them like they used to, those R&B albums. And they sparkle like they used to do.