Die vorliegende Aufnahme dokumentiert das so genannte Ad Astra-Projekt, bei dem die Berliner Philharmoniker vier zeitgenössische Komponisten beauftragten, sich mit den musikalischen Mitteln von heute dem Thema "Weltraum" zu nähern. Die so entstandenen vier Kompositionen kreisen gewissermaßen als "Asteroiden" um die zentrale Gravitationsquelle dieses Space-Programms, "The Planets" von Gustav Holst, denen der britische Komponist Colin Matthews zu Beginn des neuen Jahrtausends einen "Pluto" zugesellte, welcher hier ebenfalls eingespielt wurde. Es handelt sich um Konzertmitschnitte ('recorded in concert' lt. Booklet) aus der Berliner Philharmonie, die vom 15. bis 18. März 2006 entstanden. Neben den erwähnten vier musikalischen Asteroiden enthält CD Nr. 2 als Dreingabe ein beeindruckendes gut zehnminütiges Video, das auf jedem modernen PC oder Apple-Computer abspielbar ist. Unter dem Titel "The Making of The Planets and Asteroids" (und vor spacingem Hintergrund) erläutert Sir Simon Rattle den gedanklichen Ansatz des Ad Astra-Projekts und informiert über seine Beziehung zu und seine Arbeit mit und an den Planets. Zu Wort kommen ebenfalls die vier Komponisten Matthias Pintscher, Mark-Anthony Turnage, Brett Dean und Kaija Saariaho, letztere nur mit eingeblendetem Foto und schriftlich fixiertem Zitat. Probenausschnitte und die bombastische Musik Holsts machen dieses fantastisch geschnittene hochemotionale Video zu einem kinoreifen Trailer für ein ansonsten reines Audioprogramm. - Soviel zum Wer, Wie, Wo, Wann, Warum und Weshalb.
Nun gibt es ja CDs, zu denen man sofort eine innige Beziehung entwickelt, die man einfach liebt und um nichts in der Welt aus der Hand geben würde. Zum Teil eine völlig irrationale Angelegenheit. Passionierte Musik-Liebhaber kennen dieses Gefühl sicherlich. Diese nagelneuen Planeten und alles um sie herum werden jedoch nicht zu den wenigen auf diese Weise geadelten Einspielungen in meiner Sammlung gehören. Ich bin's ja auch selber schuld: Wieder einmal habe ich mich von einer tollen Aufmachung, von der trügerischen "Neu = Besser"-Erwartung und den großen Namen blenden lassen. Denn die Planeten, welche Rattle und die Berliner Philharmoniker hier abliefern, sind weder durchgehend hochklassig noch bereichern sie den umfangreichen Katalog um eine erwähnenswerte Neu- oder Anders-Deutung dieses populären Werkes. Ich gehe sogar so weit, dem Orchester, genauer den Trompeten, im ersten Satz (Mars, the Bringer of War) einen Spielfehler vorzuhalten: Im dritten Takt vor Ziffer II - das ist die Passage, in welcher Tenortuba und Hörner auf der einen und Trompeten auf der anderen Seite aufputschende, verzahnte Zweitonsignale schmettern, bevor es zum ersten großen Klanghöhepunkt kommt - wirft die 3. oder 4. Trompete zur Unzeit einen kurzen undefinierbaren Ton ins Gemenge, der beim ersten Durchgang womöglich gar nicht auffällt, dem nach mehrmaligem Anhören aber deutlich das Prädikat "Versehen" anhaftet. Zugegeben: Mit Partitur in der Hinterhand und etlichen Mars-Einspielungen im Hinterkopf fällt es erheblich leichter, diesem im Klangrausch fast untergehenden Faux pas auf die Spur zu kommen, und wahrscheinlich ist das den meisten Hörern auch einfach egal. Aber die Frage muss schon erlaubt sein, was sich die Herren Toningenieure und -techniker bei so etwas denken. Werden solche Aufnahmen nicht penibel abgehört? Und was ist mit dem Dirigenten? Unterzieht der seine eigenen Einspielungen keiner Endkontrolle, bevor er sie auf die Hörerschaft loslässt? Nun könnte man natürlich auf die Live-Bedingung hinweisen, aber mal ehrlich: Hier spielen ja nicht irgendwelche Amateurmusiker, sondern die Berliner Philharmoniker! Mitleid ist hier wohl fehl am Platze. - Schon einmal gab es einen peinlichen Trompeten-Patzer in einer Planeten-Einspielung: 1989 machten sich James Levine und das Chicago Symphony Orchestra auf ihre musikalische Reise durchs Sonnensystem. Wiederum war es Mars, bei dem zunächst die Musiker und anschließend die Tontechniker versagten. Letztere merkten nicht, dass erstere in der leisen Steigerungsepisode vor der Tutti-Reprise des hämmernden 5/4-Rhythmus' die Übersicht verloren. Sie verpassten Einsätze, spielten zur falschen Zeit und setzten dann zwecks Schadensbegrenzung vorübergehend ganz aus. Mittlerweile hat die Deutsche Grammophon diese Aufnahme wohl aus dem Katalog genommen - aus gutem Grund. Der Berliner Kiekser ist lange nicht so auffällig wie der Blackout aus Chicago, aber er ist da. Und wenn man ihn einmal wahrgenommen hat, bleibt er haften.
Meine subjektive Einschätzung der anderen sechs Sätze:
"Venus" - ein Adagio - gestaltet Rattle stellenweise so langsam, dass der Fluss der Musik verloren zu gehen droht.
"Merkur" und "Jupiter" können durchaus überzeugen. Keine Frage: Die Berliner sind ein virtuoses Spitzenorchester!
Beim "Saturn" hat man den Bassregler im vierten Takt unverhältnismäßig nach oben gezogen, um nur ja die Wichtigkeit des Kontrabassthemas zu betonen - völlig unnötig. Am Ende des Satzes vermisse ich die Durchhörbarkeit und damit die ätherische Wirkung der wunderbaren Flötenarpeggios. Außerdem gefällt mir der unklare Sound des Orgel-Pedals in der Philharmonie nicht. Hören Sie sich das mal in der Decca-Aufnahme mit dem Orchestre symphonique de Montréal unter Charles Dutoit an: Das tiefe "C" im neunten Takt vor Schluss haut richtig in den Magen! Die mächtigen fortschreitenden Akkordtürme des Mittelteils dagegen sind grandios gelungen - na bitte, geht doch!
"Uranus" hat meines Erachtens zwei kleine Schwächen: 1. Das Grundtempo des tänzerischen 6/4-Takts ist mir persönlich ein wenig zu langsam geraten. 2. Nach dem bis zur Raserei gesteigerten Paukensolo nach Ziffer VIII gelingt es nicht, Pauke und Blech bei der gewaltigen Rekapitulation des Grundmotivs gemeinsam auf den Punkt zu bringen.
"Neptun" besticht durch glasklar perlende Celestaklänge und Harfenarpeggios. Im abschließenden Allegretto-Teil hätte Rattle es aber ein wenig ruhiger angehen lassen können. Die Chorvokalisen zerfließen nicht, sondern hetzen in die Unendlichkeit.
Colin Matthews "Pluto" ist eine würdige, hervorragend realisierte Beigabe zu Holsts Planeten. Frisch, modern, mitreißend und absolut brillant interpretiert. Spitze! Überhaupt hat man irgendwie den Eindruck, dass sich das Orchester bei den fünf zeitgenössischen Kompositionen erheblich wohler fühlt als im Klanguniversum des Gustav Holst. Von den vier "Asteroiden" sprechen mich diejenigen von Kaija Saariaho ("Asteroid 4179: Toutatis"), Mark-Anthony Turnage ("Ceres") und Brett Dean ("Komarov's Fall") am meisten an. Weniger sagt mir Matthias Pintschers "Towards Osiris" zu, bei dem sich mir auch nicht so wirklich erschlossen hat, wie der dem Stück innewohnende ägyptische Mythos mit der Ad Astra-Idee korrespondiert.
Zusammengefasst: Die Idee der Kombination von Holsts Planeten mit neuer, ähnlich inspirierter Musik finde ich grandios. Das Video und mindestens drei der vier Asteroiden sowie Matthews Pluto sind erste Sahne, aber die Planeten können mich nicht restlos überzeugen.
Nichtsdestotrotz: Vergessen Sie einfach, was ich über den 3. Takt vor Ziffer II im Mars gesagt habe, und Sie halten eine insgesamt solide Interpretation dieses "Smash hits" in Händen, für die ich 3 Sterne vergebe. Den vierten gibt's für die Projektidee, das Video und die Asteroiden.