The Tangent "A place in the queue"
Andy Tillison ist mit "A place in the queue" bereits bei Album Nummer 3 angelangt. The Tangent hat wieder Personal verloren und neues gefunden. Roine Stolt stieg aus, statt seiner ist Krister Jonsson, Gitarrist von Jonas Reingold' Karmakanic (der ebenfalls involviert ist) engagiert, zudem Theo Travis (sax, fl, cl), Guy Manning (ac-g, mand), Sam Baine (p, synth) und Jaime Salazar, dessen Getrommel gut wieder zu erkennen ist, sowie Dan Watts (g, Parallel or 90 Degrees) in einem Track. Die britisch-schwedische Zusammenarbeit, so steht es auch im Pressetext, bezieht ihre Inspiration aus den beiden Quellen Canterbury Rock und The Flower Kings.
Den Großteil der Songs hat Keyboarder Tillison geschrieben. Das ist ihm zumeist gut gelungen, gleich der 20-minütige Opener "In Earnest" geht flott voran, läuft schön flüssig durch, hat Ecken und Kanten, diverse Solo- und Instrumentalteile, in denen Bassist Jonas Reingold ebenso gut auffällt wie Gitarrist Krister Jonsson. Aber auch Theo Travis bringt mit illustrem und durchaus jazzigem Flöten- und Klarinettenspiel diverse interessante Töne ein, das war in dieser faszinierenden Form von The Tangent bisher nicht zu hören gewesen.
Gleich hingegen ist die Stimme von Andy Tillison. Nicht besonders kräftig und klangvoll, nicht von großer Modulationsfähigkeit und Melodik, keine aufregende Stimmführung, aber dieser typisch britische nonchalante Klang, der oft in der Canterbury Szene auszumachen ist.
Für mich persönlich ist "Lost in London" definitiv das beste Stück der CD. Jazzharmonien wälzen sich durch das liedhafte Stück, das gemütlich und entspannt klingt, dabei aber harmonisch knifflige Stellen zu passieren hat und dem nüchternen Gesang von Tillison fabelhafte Basis ist. Was für ein Rhythmus, welche Beschwingtheit und lyrische Anmut! Allein die melodische Flötenlinie ist traumhaft schön, dazu die prog-typischen Eckpunkte zwischen den einzelnen Versen. Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass der Name "David" gesungen wird, fehlt noch "Richard", dann würden Caravan Tillison mit dem Zaunpfahl erschlagen...
Von gleicher Faszination ist das schwer komplexe und nur knapp 2-minütige Prog-Monster "DIY Surgery", dessen elegante Nonchalance mit verzückter Hingabe gefesselt ist. Was denkt dieser Tillison, wenn er derart grandiose Ideen hat? Wie kommt er nur auf diese tollen Ideen? Welch zarte Muse ist in ihn verknallt? Ein weiteres geniales Stück ist das 10-minütige "GPS Culture", das sich allerdings eher von Yes inspirieren ließ, damit jedoch auch nicht gerade schlechten Geschmack verrät. Hier ist der Mix aus Canterbury Sound, Yes-Inspiration und Flower Kings-typischem Klang in einer britisch saloppen und dennoch hoch emotionalen Komposition aufgegangen.
"Follow Your Leaders" kommt als Titelname deprimierend falsch an. Allein, der Song ist feinster Jazzrock im Geiste Canterburys, sicher nicht von der Komplexität, für die Bands wie National Health oder Hatfield and the North standen, aber gewiss Caravan. Synthesizer und Flöte setzen der Komposition ihren Stempel auf. Wie in allen Songs der CD kommt die elektrische Gitarre etwas kurz, ausgeklügelte Gitarrensoli oder heftige Rockattacken sind eher nicht zu vernehmen, The Tangent setzt auf das symphonische Kleid in gemäßigt hartem Rock. Dafür sind etliche faszinierende Jazzmotive zu hören. Jonas Reingold am Bass, Theo Travis an Flöte und Klarinette und der Jazzgesang von Andy Tillison setzen feine Akzente.
"The sun in my eyes" ist plötzlich der Totalausfall, die Popnotiz ist von großem Übel und wäre besser niemals eingespielt worden. Der giftige Popsound verringert deutlich die Lust am Hören, da ist Missmut angesagt; was soll dieser Mist?
Nach fast 4 Minuten ist der Schrott endlich vorbei und Andy Tillison, der damit Sinn für schlechten Humor gezeigt hat, kehrt zu qualitativer Musik zurück. Der abschließende Titeltrack zeigt The Tangent wieder von der besten Seite, die Band gibt noch einmal alles. Das schöne und flauschige Thema im Geiste der Flower Kings setzt stark auf Bass und Schlagzeug; die beiden erprobten Flower Kings Musiker, wenn im Fall von Jaime Salazar auch in Ex-Mitgliedschaft, könnten stundenlang musizieren. Dazu spielt Tillison perlendes Piano, das nicht kitschig, sondern anmutig klingt. Dann wechselt er zum Synthesizer und seine Improvisation wird deutlich jazziger, bis sich das Saxophon des Motivs annimmt und ein leidenschaftliches Solo zelebriert, das die Progwelt hinreißen wird. Exquisit!