Zweifelsohne handelt es sich bei diesem Doppelalbum aus dem Jahre 1987 nicht nur um die erste Tonträgerveröffentlichung von Andrew Lloyd Webber's Musical-Welterfolg, sondern auch um die international am meisten verkaufte von allen mittlerweile zu diesem Musical produzierten Einspielungen. Durch eben diese weite Verbreitung des "Originals" ist dieses Album zu einer Referenzeinspielung vom "Phantom der Oper" avanciert. Doch ist dieser Ruf qualitativ gerechtfertigt? Ist der Begriff "Original" in wirklich jedem Falle immer gleichbedeutend mit "besser geht's nicht"? Meines Erachtens nach nicht! Das Original London Cast Album weist neben durchweg guten Eigenschaften auch Schwächen auf.
Zuerst einmal möchte ich festhalten, daß ich Andrew Lloyd Webber's "The Phantom of the Opera" musikalisch und auch seitens der Originalinszenierung von Harold Prince als meinen absoluten Musicalfavoriten bezeichne. Meine Kritik richtet sich nicht an die Musik ansich, sondern vielmehr an deren Umsetzung auf besagter Aufnahme der Londoner Aufführung.
Positiv ist bei dieser Aufnahme mit Sicherheit das Gesamtbild der Rollenbesetzung zu bewerten. Deutlich spürt man, daß der Part der Christine Daaé musikalisch maßgeschneidert für die Stimmlage und -klangfarbe von Sarah Brightman ist, Lloyd Webber's damaliger Ehefrau. Auch Steve Barton in der Rolle des Vicômte de Chagny vermag stimmlich seine adelige Abstammung und seine Zuneigung für Christine glaubhaft zu transportieren. Von den Nebenrollen sind insbesondere John Savident und David Firth als trocken-komische Direktoren des Pariser Opernhauses und Mary Millar als mystische Mme. Giry hervorzuheben.
Zwiegespalten bin ich nach wie vor über die gesangliche Leistung von Michael Crawford als Phantom. Und das hat zwei Gründe: mit Sicherheit verfügt er über eine sehr ausdrucksstarke und wandlungsfähige Stimme, mit der er die verschiedenen Nuancen der Gefühlswelt des Phantoms gut darstellen kann. Nur bleibt er im speziellen Fall dieses Albums zu sehr hinter seinen Möglichkeiten zurück. Aus anderen Ton- und Filmdokumenten, auf denen er in der Rolle des Phantoms verewigt ist, wird ersichtlich, daß seine stimmliche Arbeit so, wie sie auf diesem Album festgehalten ist, (noch) nicht dem Potential entspricht, zu dem er selbst fähig ist. Und das bedauere ich jedes Mal, wenn ich diese Einspielung anhöre! - Außerdem muß festgehalten werden, daß es trotz aller Verdienste, die Mr. Crawford zweifelsfrei an der Mitentwicklung der Rolle des Phantoms hat, auch andere Darsteller gab und gibt, die ebenfalls Großartiges in dieser Rolle geleistet haben.
Unvergessen sind für mich Ethan Freeman, Scott Davies und Hans Peter Janssens als Phantom.
Ein weiterer Schwachpunkt des Original London Cast Album's stellt für mich das klangliche Erscheinungsbild des Orchesters dar. Da gibt es, gemessen an der Größe des Orchesters, viel zu viel (künstlichen) Hall und eine zu ungenaue Abmischung der einzelnen Instrumentgruppen. Das führt dazu, daß die Feinheiten des Instrumentalarrangements an nicht eben wenigen Stellen gar nicht richtig zur Geltung kommen, weil sie kaum wahrnehmbar sind. Als Beispiel dafür, daß das besser geht, möchte ich an dieser Stelle das Album zur niederländischen Produktion vom "Phantom" von 1993 erwähnen (Phantom: Henk Poort). Hier ist das Orchester etwas kleiner, der Hall zurückgenommen und die Abmischung überarbeitet. Das Ergebnis ist ein viel differenzierteres Klangbild!
Abschließend sei gesagt, daß dieses Album als Dokument der Besetzung der Welturaufführung in London und der Entwicklung eines Musicals über die Jahrzehnte hinweg mit Sicherheit hörenswert ist. Ergänzend dazu empfehle ich aber, auch in andere Einspielungen von "The Phantom of the Opera" hineinzuhören!