Wir schreiben das Jahr 2010: die "Star Wars"-Saga hat ihre eigenen Prequels abgeschlossen und befindet sich mitten in einem neuen Kapitel. Die Animationsserie "The Clone Wars" beherrscht das Interesse der Medien und der Fans und teilt das ohnehin schon in zwei Lager (Pro-OT und Pro-PT) gespaltene Fandom in zwei weitere Lager auf; in das der "The Clone Wars"-Befürworter und das der "The Clone Wars"-Kontrahenten. "The Clone Wars" schickt ein volles Pulverfass nach dem anderen in die hitzigen Diskussionen der Fans, die ' abgehärtet oder verweichlicht von der Serie ' schon Jar Jar Binks akzeptieren und die Ewoks als alte Freunde ansehen. Ahsoka Tano ist die neue Hassfigur der Fans, ebenso der individuelle wie eigensinnige Stil der Serie und des gleichnamigen Kinofilms, mit denen sich George Lucas und sein Begleiter Dave Filoni sowohl mehr Freunde als auch mehr Feinde machen als jemals zuvor.
Da erscheint es wie ein Wunder, dass sich nun eine Dokumentation dazu bereitklärt, die Missstände des Fandoms aufzuklären, sämtliche Seiten zu Wort kommen zu lassen und ' soweit wie möglich ' sich als Ventil der Fans zu geben. "The People vs. George Lucas" kommt weder zu spät, noch zu früh. Die negativen Seiten der Prequels gelten als ausgestanden, an die Überarbeitungen der Special Edition mag und kann man sich gar nicht mehr erinnern ' und ehe auch "The Clone Wars" von den dann vermutlich noch frustrierteren Fans akzeptiert wird, versucht die Dokumentation, den Sachverhalt aufzuklären und die Hintergründe zu analysieren, wie es überhaupt zu einer derartigen Spaltung des Fandoms kommen konnte.
Mit größter Enttäuschung muss ich feststellen, dass "The People vs. George Lucas" nur zu halben Sachen fähig ist. Der Film beginnt mit einer kleinen Zeitreise, in der George Lucas' Siegeszug mit seinem ersten "Star Wars"-Film genauer erläutert wird. Lucas galt als inspirierender Filmemacher, der die damalige Filmindustrie beflügelt hat und mit den späteren Werken "Das Imperium schlägt zurück" und "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" eine Fanbasis gegründet hat, die ihresgleiches gesucht hat und dies noch immer tut.
14 Jahre, nachdem er mit "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" seinen kleinen Ruhestand erklärt hat, bringt er die alte "Star Wars"-Trilogie erneut in die Kinos ' als Special Edition mit überarbeiteten Effekten und Zusätzen, die vielen Fans auf die Gemüter schlugen. An diesem Punkt in "The People vs. George Lucas" beginnen die Stimmungen der interviewten Fans und 'Experten', sich förmlich zu überschlagen. Die Fans werfen im Film mit Hasstiraden nur so um sich und geilen sich vor allem an der 'Han shot first!'-Szene auf, der wohl verhasstesten Filmänderung bis Darth Vaders 'No!' der Blu-ray-Fassungen. Anhand von Beispiel-Fanfilmen wird gezeigt, wie die Welt der Fans zusammenbrach als sie gesehen haben, wie an ihren mythologischen Vorbildern lieblos herumgepfuscht wurde.
Von nun an beginnt man als Zuschauer zu ahnen, dass sich der Film überwiegend an die wirklich ältere Generation der Fans richtet. Mit solchen Klassikern unter den "Star Wars"-Upgrades wird die Hassliebe der Fans zum Schöpfer der Saga dargestellt. Den Gipfel erreicht sie mit der Premiere von "Episode I ' Die dunkle Bedrohung", als George Lucas den Fans ihren lang ersehnten Film gab und sie mit Jar Jar Binks, Senatsabkommen und den Midichlorianern maßlos enttäuschte.
Nun sind die Vorwürfe der Fans gegenüber George Lucas in diesen Belangen absolut nachvollziehbar und berechtigt. Ins Lächerliche driftet es aber ab, als "Episode I" gleich mehrmals als das Schlechteste bezeichnet wird, das sie jemals gesehen haben.
Ab hier nimmt man sich als Zuschauer das Recht heraus, den kritisierenden Fans Vorwürfe zu machen und George Lucas und sein "Star Wars" zu verteidigen. Zwar ist es kein Zweifel, dass Lucas das Fandom mit "Episode I" enttäuscht hat, doch ein schlechter Film war sie noch lange nicht. Denn trotz Jar Jar & Co. gab es noch immer Fans, die in "Episode I" das klassische "Star Wars"-Feeling gespürt haben und sich der Weltraummythologie, den Lichtschwertduellen und atemberaubenden Flugeinlagen vollkommen hingegeben haben.
Dass "Episode I" der schlechteste Film sein kann, den die Fans gesehen haben, kann insofern nicht stimmen, da er dennoch hervorragende typisch-amerikanische Unterhaltung und für die damalige Zeit revolutionäre visuelle und akustische Effekte zu bieten hatte. Und auch diese gehör(t)en zum klassischen "Star Wars" dazu und besaßen einen nicht geringen Beitrag an der Gründung der beispiellosen Fanbase.
Außerdem sehr enttäuschend, weil ungemein weltfremd, sind die Begründungen, mit denen die Fans den Film in Grund und Boden stampfen. Über eine halbe Stunde lang diskutieren Fans, die man eindeutig zu den Verehrern der Alten Trilogie zuordnen kann, über Jar Jar und Midichlorianer, ohne besondere weitere Gründe zu nennen, weshalb denn der Film so schlecht sei wie sie behaupteten. Die meiste Zeit über sei von einem komischen Gefühl die Rede, von der scheinbar nicht verstandenen Botschaft des Films ' doch Jar Jar und Midichlorianer können durch ihre (relativ geringe) Präsenz unmöglich einen Film zerstört haben, der eine Länge von zwei Stunden besitzt. Und neben Action, grandioser musikalischer Untermalung und perfekt einstudierten Kampfchoreographien auch wunderschöne (wenn auch überwiegend digitale) Kulissen zu bieten hat.
Über die beiden folgenden Episoden "II" und "III" hüllen sich die Fans überwiegend in Schweigen (hat man hier etwa weniger Kritikpunkte vermutet?), und so drehen sich die fast 90-minütigen Diskussionen von Fans von überall auf der Welt um die Themen Special Edition bzw. Filmrestaurationen und -bearbeitungen sowie um "Episode I" und den Lebenssinn zahlreicher Fans, den George Lucas mit diesem Film zunichte gemacht hat.
Und das war's? Ja, das war's. Auf kritische Aussagen über die überrepräsentierten Romantikszenen zwischen Anakin und Padmé in "Episode II", die laut der Meinung gewisser Fans sicherlich genauso wenig zum 'alten 'Star Wars'' passen würden wie Jar Jar Binks, sowie "The Clone Wars" wartet man in "The People vs. George Lucas" vergeblich. Der Trumpf des zu Beginn dieser Kritik angesprochenen perfekten Zeitpunkts, den sich die Dokumentation für ihre Veröffentlichung ausgesucht hat, wird überhaupt nicht ausgespielt, weshalb "The People vs. George Lucas" in meinen Augen eine zurückgebliebene Dokumentation darstellt. "The Clone Wars", DER momentane Kritikpunkt zahlreicher Forendiskussionen, der den eigenen Erfolg bei der jungen Zielgruppe auf der einen Seite und die schlechte Akzeptanz bei den eingefleischten Fans auf der anderen Seite hat, wird in gerade einmal zwei Sätzen kurz angerissen, obwohl man sich bei der ohnehin schon optisch-undeutlichen Schreibweise der vorliegenden deutschen Untertitel noch nicht einmal sicher sein kann, ob denn in diesem Fall vom gemeinten "The Clone Wars" oder dem untertitelten ähnlichen "Clone Wars" die Rede ist.
Letztendlich ist "The People vs. George Lucas" in meinen Augen also eine Visualisierung zahlreicher Diskussionen in Internetforen, in denen die verschiedensten Meinungen ebenso verschiedenster Fans aufeinandertreffen und zu einem unübersichtlichen Wirrwarr aus subjektiven Eindrücken entstehen.
Lediglich die im Film genannte Begründung für die qualitativen Abstiege der neueren Lucas-Projekte, dass der Schöpfer mehr und mehr zum Einzelkämpfer wurde und er keine andere Meinung als seine eigene bei der Entstehung seiner Filme hat zählen lassen, war für mich persönlich eine neue Sichtweise auf den "Star Wars"-Fanmythos.
So hat "The People vs. George Lucas" als Vermittler der unübersichtlichen und dennoch auch leicht eintönigen Ansichtsweisen der interviewten Fans nicht mehr als 2 von 5 Sternen verdient.
Es sei noch kurz gesagt, dass der eineinhalbstündige Film lediglich für die 'Casual'-Fans von Interesse sein dürfte, die sich nicht schon durch zahlreiche Internetplattformen (als Beispiel sei hier die "StarWars-Union" genannt) selbst aufgeklärt und ein Bild von dem Sachverhalt gemacht haben.