In der klassischen Ökonomie erhöht jede weitere Option den Nutzen. Laut dem Autor mag dies objektiv schon richtig sein, auf das subjektive Empfinden wirken sich ab einem gewissen Sättigungspunkt weitere Optionen negativ aus. Die Optionenflut kann bei entsprechender Konstitution sogar zu schweren Depressionen führen. Betroffen sind davon sogenannte Maximiser. Leute die nach dem jeweils besten Produkt aus sind. Die Jagd nach dem besten Produkt führt mehr oder minder zwangsläufig zum Regret. Es werden zumindest in der Weltsicht des Maximisers immer bessere Produkte und Alternativen auftauchen.
Wesentlich besser kommt in der Optionen-Sintflut der "Satisficer" zurecht. Ein Satisficer hat bestimmte Kriterien. Wenn diese erfüllt sind, ist er zufrieden. Egal ob es noch bessere Produkte gibt oder nicht.
Ein weiterer Grundgedanke des Buches ist: Der allgemeine gesellschaftliche Reichtum hat sich in den Industrienationen in den letzten Jahrzehnten vervielfacht. Mein Vater hat z.B. bei meiner Geburt - inflationsbereinigt - 750 Euro verdient. Das ist für eine 4-köpfige Familie heute weit unter dem Existenzminimum bzw. der Österr. Sozialhilfe. Tatsächlich war er damals ein relativ gut bezahlter Industriearbeiter. In ähnlicher Position würde er heute mehr als 2000 Euro verdienen. Mit Sicherheit sind heutige Kinder aber nicht 3x so glücklich wie wir es damals waren. Es kommt offensichtlich zu einer Entkoppelung und teilweise sogar zu einer Umkehr von materiellen Reichtum und subjektiven Wohlbefinden. Schwartz erklärt dies mit der - im Laufe der historischen Entwicklung sehr nützlichen - Anpassungsfähigkeit des Menschen. Menschen können sich an unglaublich miserable Verhältnisse gewöhnen. Sie gewöhnen sich aber noch schneller an ein angenehmes Leben. Das dann gar nicht mehr so als angenehm empfunden wird. Vor allem geht der Reiz von neuen Konsumartikeln sehr schnell verloren. Es entsteht eine "Hedonistic Treadmill". Wir brauchen in immer kürzeren Abstand immer stärkere Konsumreize. Wobei auch das Anspruchsniveau an diese Reize selbst höher wird.
Was kann man laut dem Autor dagegen tun? Man kann und sollte ein Satisficer werden. Wobei der Autor aber selbst betont, dass auch der geborene Satisficer auf mindestens einem Gebiet Maximizer ist. Man sollte ferner Metaregeln entwickeln, in welchen Gebieten sich eine längere Auswahl überhaupt auszahlt. Z.B. sollte man sich einmal einen bestimmten Telefonvertrag auswählen und ohne weiteres Überlegen dabei bleiben.
Persönlich bin ich der Prototyp eines Satisficer. Ich lebe auch in einem kleinen Dorf. Ein Problem hat man bei unserem Dorfgreisler mit Sicherheit nicht: Ein Übermass an Auswahlmöglichkeiten. Im Sinne des Buches bin ich ein glücklicher Mensch in einer fast noch paradisisch unberührten Konsumlandschaft. Es stört nur eine Schwäche diese Idylle: Mein Hang für Bücher. Amazon ist für einen Menschen wie mich Paradies und Hölle zugleich. Wobei ich aber gar nicht sicher bin, ob ich mir dieses Laster auch abgewöhnen oder nicht doch lieber dem Motto von Edit Piaf folgen soll.
Das Buch ist mehr als das übliche Ratschlagwerk. Es geht dem Autor auch um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus und dessen Markt-Fetischismus. Wobei der Autor die Grundthese dieser Theorie, der ungehemmte Markt verbessert objektiv das Güterangebot, als gegeben annimmt. Es ist nur zuviel des Guten.
Es ist aber selbst die Annahme eines objektiv besseren Angebotes zu bezweifeln (Schwartz lässt sich darauf aber nicht ein, weil das nicht sein Metier ist). Als ich z.B. die Programmiersprache C lernte, brauchte man sich über das Lehrbuch nicht den Kopf zerbrechen. Es gab nur Kernigham&Ritchie: The C Programming Language. Das ist auch eines der besten jemals geschriebenen Programmierbücher. Heute gibt es zu jeden neuen Thema - z.B. iPhone Programmierung - eine Flut von Büchern. Die aber alle unter dem Druck möglichst als erster am Markt zu sein geschrieben sind. Wegen der grossen Konkurrenz und der Herrschaft der Betriebswichtel in den Verlagen fällt auch das Honorar des Autors gering aus. Profiautoren produzieren daher wie am Fliessband Bücher. Diese sind entsprechend schleissig gemacht bzw. es wird so viel wie möglich aus früheren Büchern wiederverwendet. Lektoren sind inzwischen ein weitgehend wegrationalisierter Berufszweig. Besonders schlimm sind aus denselben Gründen Übersetzungen. Statt einem guten Buch hat man die Auswahl aus zwanzigfachen Mist. Eine Entwicklung, die wohl nicht nur auf Computerbücher beschränkt ist.
Ich habe mit meinem Hund Bello (ein Border-Collie Mischling) Tests durchgeführt, ob er ebenfalls unter dem "Paradox of Choice" leidet. Legt man in einiger Distanz ein halbes und ein ganzes Hundekeks hin und gibt ihm das entsprechende Kommando, dann steuert er zielbewusst zuerst das ganze Keks an und frisst danach erst das halbe. Wenn das halbe Keks näher liegt frisst er zuerst dieses. Legt man mehrere Kekse nebeneinander, dann frisst er einfach von rechts nach links. Egal wie gross die Kekse sind. Er zeigt dabei keine Spur von Entscheidungsqual. Seine Regeln sind auch zweckmässig. Legt man allerdings 2 Tennisbälle nebeneinander und fordert ihn mit dem Kommando "Bello bring" auf die Tennisbälle zu aportieren, bekommt er seine Probleme. Er nimmt zuerst einen Tennisball ins Maul, lässt ihn fallen, nimmt den anderen .... bis er sich schlussendlich dann doch für einen Ball entscheidet. Obwohl er ansonsten sehr lernfähig ist verbessert sich dieses Verhalten auch mit der Zeit nicht. Er kann sich auch im 10ten Versuch nicht auf Anhieb für einen Ball entscheiden. Keine Ahnung, ob das Studium dieses Buches ihm weiterhelfen würde.
P.S.: Es gibt einen sehr vergnüglichen Vortrag des Autors unter demselben Titel am Internet. Genaugenommen gibt es zwei Vorträge. Einen längeren wo er mit Anzug auftritt, einen kürzeren in Ruderleiberl und kurzer Hose. Der Ruderleiberl-Auftritt ist wesentlich besser.