Der Autor Jim Meehan betreibt in New York die Cocktail-Bar PDT ("Please don't Tell"), die sich - obwohl erst 2007 eröffnet - schnell als angesagte Adresse für "Barflies" und Cocktail-Genießer etablierte. Dazu mag beigetragen haben, dass man die Bar nur durch eine Art Geheimtür in einer Telefonzelle erreicht, die sich in einem gewöhnlichen Hot-Dog-Laden befindet - Erinnerungen an geheime "Speakeasies" während der Alkoholprohibition werden wach. Im Gegensatz zu jenen Hinterzimmer-Spelunken der 1920er und 30er Jahre serviert man im PDT jedoch Drinks auf höchstem Niveau - und von diesen handelt das Buch.
Rezepte
Den Schwerpunkt bilden über 260 sorgfältig ausgewählte Cocktail-Rezepte. Eine eher klassisch orientierte Auswahl für anspruchsvolle Genießer, es sind aber auch neue Kreationen dabei, zum Teil aus dem PDT und von Jim Meehan selbst. Die Rezepte sind in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt, auf eine Einteilung in Gruppen wurde mit gutem Grund verzichtet. Wer auf einen Blick alle Drinks mit einer bestimmten Zutat sucht, wird im Stichwortverzeichnis fündig. Die Maßangaben lassen sich bequem von U.S. liquid ounces (oz.) in Zentiliter umrechnen, indem man (je nach gewünschter Drinkgröße) mit 2 oder 3 multipliziert. Schön sind die kurzen Erläuterungen zu jedem Drink, zudem nennt Meehan den Erfinder bzw. die Originalquelle. Saubere Recherche, wie man sie sonst kaum in Mixbüchern findet, allerdings wird nicht immer deutlich, ob und inwieweit er das Original verändert hat. Jedenfalls "funktionieren" seine Rezepturen, sind allesamt fein balanciert und abgestimmt. Auffällig ist, dass Meehan nicht nur die Gattung (z. B. "brauner Rum" oder "Maraschino") einer Zutat angibt, sondern stets konkrete Marken vorschlägt. Das mag zunächst irritieren, denn allzu oft sind derartige Tipps in Barbüchern wertlos, weil lediglich bezahltes Product Placement eines Herstellers dahintersteckt. Meehans Empfehlungen erscheinen hingegen wohlüberlegt. Ein Beispiel: der "Widow's Kiss" basierte ursprünglich auf Applejack, jedoch hat das das heute erhältliche Produkt mit dem Applejack des 19. Jahrhunderts kaum noch etwas gemein. Das weiß Meehan und ersetzt folgerichtig durch einen hochwertigen Apple Brandy. Natürlich, das schreibt er selbst, muss man sich nicht sklavisch an seine Vorschläge halten, und in vielen Fällen ist das auch gar nicht nötig (ein "Moscow Mule" wird mit fast jedem Wodka schmecken). Im Zweifel helfen die Empfehlungen jedenfalls, den erwarteten Geschmack besser einzuschätzen und bilden eine Grundlage für eine "passende" Ersetzung.
Ein netter Bonus sind weitere Rezepte für "Seasonal Drinks" sowie ca. 20 Seiten mit ungewöhnlichen Hot-Dog-Variationen, die es im PDT als "Barfood" gibt. Ein Beispiel: "Humm Dog" mit Sellerie-Relish und Trüffelmayonnaise, natürlich alles selbstgemacht und mit genauem Rezept. "Fast Food" auf allerhöchstem Niveau!
Barwissen, Warenkunde, Literatur
Schön finde ich, dass Meehan den Leser auch hinter die Kulissen seiner Bar blicken lässt. Die Ausstattung des PDT und das Konzept dahinter werden genau beschrieben, desgleichen Gläser, Werkzeuge, Arbeitstechniken und die Herstellung der im PDT hausgemachten Sirups und des Ginger Beers. Die Warenkunde zu Spirituosen und Mixzutaten ist mit etwa 30 Seiten knapp, aber ausreichend und vor allem fachlich präzise. Abgerundet wird das Buch durch Ideen für das Mixen zu Hause, Bezugsquellen, Weblinks und ein hervorragendes, 18seitiges Verzeichnis mit weiterführender (Bar)literatur.
Gestaltung
Die meisten Mixbücher sind mit bunten Cocktail-Fotos illustriert - appetitlich oft, aber auch ziemlich langweilig. Das PDT Cocktail Book geht einen anderen Weg: aus der U-Bahn heraus entdeckte Jim Meehan ein Kunstwerk von Chris Gall und bat ihn, sein Buch zu illustrieren. Mit seinen poppig bunten, linolschnittartigen Illustrationen hat der Künstler es in einen wahren Augenschmaus verwandelt! Dabei greift er in teils piktogrammhaft kleinen, teils doppelseitigen Bildern Zutaten oder Drinknamen auf hintergründige und humorvolle Weise auf. So sieht man unter dem "Pharaoh Cooler" eine Mumie, lässig mit einem Drink in der Hand an die Wand einer antiken Grabstätte gelehnt, bei der "Pink Lady" stolziert ein mit Perlenkette und Hut dekorierter Flamingo über die Buchseite, den "Manhattan" hat Gall mit der New Yorker Freiheitsstatue bebildert, in der Hand statt der Fackel ein erhobenes Cocktailglas, garniert mit roten Cocktailkirschen. Ebenfalls top: der schmuckvoll gestaltete Einband, gutes Papier und stabile Bindung mit Lesebändchen.
Fazit
Kurzum, es ist wohl das schönste Barbuch, das ich kenne und ein vorzüglicher Fundus für anspruchsvolle Cocktailfreunde. Absolute Kaufempfehlung!
PS: Deutschsprachige Mixbücher dieser Qualität sind leider selten. Vom Konzept her vergleichbar ist
Bar von Charles Schumann: ebenfalls auf eine Bar bezogen, liebevoll illustriert, mit umfangreichem, klassisch angehauchten Rezeptteil, wenn auch hier und da etwas altbacken. Wer Schumann mag, wird das PDT Cocktail Book lieben!