So oder ähnlich dachte ich, als mir ein guter Freund vor zwei Tagen die DVD von Randa Haines' TV-Western "The Outsider" (2002) auslieh, und hatte dabei sowohl "Angel and the Badman" (1947) - auch wenn Gail Russell hier eine Quäkerin spielte - als auch, natürlich, "Witness" (1985) mit Harrison Ford im Hinterkopf. Da ich aber Naomi Watts schlichtweg hinreißend finde, beschloß ich, mir diesen apokryphen Western anzusehen - und wurde dabei positiv überrascht.
Die Geschichte ist simpel, vielleicht nicht zuletzt, weil sie aus der Feder Penelope Williamsons stammt, die mir - nach allem, was Wikipedia über sie ausspuckt - eine Art amerikanische Hedwig Courths-Maler zu sein scheint. Eine kleine Gemeinde von Amish in Montana wird von dem Rancher Hunter (John Noble) bedroht, der es nicht hinnehmen möchte, daß die Neusiedler nach und nach seine Weidegründe in Besitz nehmen, auch wenn sie das Land (durch den Homestead Act?) ehrlich erworben haben. Eines Tages hängen Hunters Männer einen der Amish unter dem Vorwand, er sei ein Viehdieb, auf - in der Hoffnung, daß sich seine Witwe Rebecca Yoder (Naomi Watts) bereit finden wird, die Farm zu verkaufen. Doch Rebecca denkt nicht daran, die Farm aufzugeben. Eines Tages finden sie und ihr kleiner Sohn Benjo (Thomas Curtis) einen schwerverletzten Fremden, der offensichtlich ein Revolverheld ist. Rebecca pflegt den Fremden wieder gesund - sehr zum Mißfallen ihrer Gemeinde, die von ihrem Vater angeführt wird. Besonders ihr Nachbar Noah Weaver (Keith Carradine), ein Witwer mit Sohn und ein strenggläubiger Mann, sieht in der Anwesenheit des Fremden, der sich als der berüchtigte Gunslinger Johnny Gault (Tim Daly) entpuppt, einen Störenfried, denn Weaver hegt die Absicht, seine Nachbarin zu heiraten.
Als Rebecca und Johnny eines Tages von einer Nachbarin bei einer höchst kräftezehrenden Tätigkeit, deren Lohn in ihr selbst liegt, erwischt werden, sieht sich Rebecca vor die Entscheidung gestellt, entweder öffentlich Buße zu tun und Johnny ziehen zu lassen oder aber für ein Leben an Johnnys Seite den Bannfluch ihrer Familie und all ihrer Nachbarn auf sich zu laden.
Man sieht schon, "The Outsider" ist eher ein Liebesmelodram als ein klassischer Western, und so würde ich denn auch all denjenigen, die der Meinung sind, ein Western müsse wie ein Sergio-Leone-Film sein, von Randa Haines' Film abraten, denn sie würden sich zu Tode langweilen. Es gibt aber durchaus ein paar aufregende Szenen, zu denen auch ein Shoot-out im Saloon zählt, doch muß man sagen, daß der finale Show-down zwischen Johnny und dem üblen Hunter ziemlich schnell über die Bühne geht, was den Bösewicht im nachhinein ein wenig abwertet. Als weiteres Manko würde ich die optische Gelecktheit der Charaktere und der Schauplätze betrachten, die wohl typisch für Fernsehfilme ist. Auf die Großaufnahmen schmutziger und häßlicher Gesichter, wie man sie bei Leone findet, und auf staubige Reiter wird man in "The Outsider" verzichten müssen, denn jeder Charakter wirkt hier so, als sei er gerade frisch geduscht und als trage er seine Klamotten erst seit ein paar Minuten.
Geradezu großartig sind aber die mit ruhiger Kamera gefilmten Landschaftsaufnahmen im Wechsel der Jahreszeiten - so sehen wir durchaus auch Schnee -, die sich mit den Panoramen mancher Kinowestern mühelos messen können und die von einer solch bezaubernden Filmmusik untermalt werden, daß ich mir sogar die Credits am Ende in voller Länge angeschaut habe. Musik ist schwer zu beschreiben, aber ich würde sagen, daß dieser reichhaltige, und doch so unprätentiöse Score manchmal ein wenig an Grieg erinnert.
Auch die Charaktere werden von Haines mit psychologischer Tiefe unterlegt, so daß der Wandel der Beziehung zwischen Rebecca und Johnny mich in seinem Bann halten konnte, wenngleich ich natürlich auch sagen muß, daß die Szene, in der Johnny Rebecca aus seinem Leben erzählt, in seiner dunklen Melodramatik fast schon Dickens-Charakter hat. Besonders die sich entwickelnde Freundschaft zwischen Johnny und dem kleinen Benjo, der am Anfang seiner großen Naivität wegen ein wenig nervte, hat mich stark gerührt - ich denke da beispielsweise an die Szene am Fluß. Da in dieser Vater-Sohn-artigen Beziehung unzweifelhaft Elemente aus "Shane" (1953) aufgenommen werden, kann sich Haines bei der Beantwortung der Frage, ob Gewalt ein zu rechtfertigendes Mittel der Lösung mancher Konflikte sei, den Zwängen des Genres nicht ganz entziehen. Denn erst nachdem der Konflikt mit Gewalt beigelegt worden ist, schwört Johnny seinem alten Leben ab und zerstört seine Waffe. Immerhin darf er, anders als die typischen mythischen Westernhelden à la Shane oder Ethan Edwards, in der von ihm wiederhergestellten Zivilisation bleiben und muß nicht einer ungewissen Zukunft, die doch immer die gleiche ziellose Gegenwart ist, entgegenreiten.
Nun gerate ich aber immer mehr ins SPOILERN, so daß ich dem einen oder anderen an dieser Stelle ausdrücklich davon abrate weiterzulesen: Seine große Qualität bekommt der Film für mich durch die Person Rebeccas, der eigentlichen Heldin dieses Filmes. Aufgewachsen im Geiste der strengen Regeln der Amish, bleibt sie am Ende doch diejenige, die sich auf den Kern der christlichen Lehre besinnt. Nicht zufällig wird in der Gottesdienstszene im Film wohl 1. Joh. 4, 20f zitiert: "So jemand spricht: 'Ich liebe Gott', und hasset seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?" Rebecca ist diejenige, die diese simple Aufforderung zur Nächstenliebe - zunächst "nur" aus Überzeugung, weil eben auch der waffentragende Fremde "God's creature" ist - umsetzt, während bei den anderen Gemeindemitgliedern das Bedürfnis nach Abgrenzung gegenüber dem "Outsider" handlungsweisend bleibt. Ihre Religion scheint sich überwiegend im Befolgen aller möglichen strengen Regeln - keine Musik, außer in der Kirche, der Sohn gehorche dem Vater, die Frau dem Manne, und was dergleichen mehr ausgeknobelt werden kann - zu erschöpfen, doch nur Rebecca ist in der Lage, sich auf die Hauptregel der christlichen Religion (wie auch jeder anderen Form von ernstzunehmender Ethik) zu besinnen. Zudem benutzt sie ihren Kopf - etwa wenn sie sagt, sie könne sich nicht vorstellen, daß Gott dem Menschen den Verstand gegeben habe, wenn Er nicht wolle, daß der Mensch diesen auch benutze - und kommt damit in die Verlegenheit, den rigiden Kodices ihrer Glaubensgenossen intellektuell und auch in ihrem Handeln Paroli bieten zu müssen. Die wohl stärkste Szene des gesamten Filmes ist denn auch die, in der Rebecca inmitten ihrer Gemeinde öffentlich Buße tun soll, anfangs niedergeschlagen und resigniert, dann aber, augenscheinlich während des Redens, ihr Herz ergründet und sich entschließt, sich selbst und ihren Gefühlen treu zu bleiben. Diese Heldin tut etwas ungleich Mutigeres als sich auf der staubbedeckten Straße einer Gruppe Revolverhelden zum Duell zu stellen - sie sagt die Wahrheit, auch wenn dies den Bruch mit ihrer Vergangenheit und die Entfremdung von ihrer Familie bedeutet. Und sie beweist, daß auch Frömmigkeit nicht vor der Notwendigkeit, selbst zu denken und eigene Entscheidungen zu treffen, schützt. Deshalb würde ich den Film auch nicht als eine Abrechnung mit sogenannten "Sekten" und ein Hoch auf die etablierte Mehrheitsreligion verstehen, sondern als einen Hinweis auf die Wichtigkeit, jeglicher Art von Dogmen kritisch gegenüberzutreten und denkend und fühlend Verantwortung zu übernehmen.
Mir hat "The Outsider" alles in allem sehr gut gefallen, vor allem weil wir mit Rebecca eine Protagonistin haben, deren Schicksal - gerade weil es selbstbestimmt und eben deshalb kein Schicksal mehr ist - uns nicht gleichgültig läßt. Ein ruhiger Western, aber alles andere als langweilig oder verkitscht.
Mit der deutschen Synchronisation bin ich nicht ganz zufrieden, denn irgendwie wirkt sie künstlich und distanziert. Hier sollte man sich unbedingt den Gefallen tun und in den Originalton hineinhören, auch wenn gerade Johnnys Neigung zu undeutlichem Sprechen zunächst ein wenig Ausdauer erfordert.