Wenige Werke des deutschen Komponisten Franz Schubert üben seit jeher eine ähnliche Faszination aus wie sein größter Liederzyklus, die "Winterreise" D 911. Von diesem im Jahre 1827 - also ein Jahr vor Schuberts Tod - entstandenen Zyklus nach Wilhelm Müllers gleichnamigem Gedichtzyklus soll der Komponist selbst gesagt haben, dass es sich um "schauerliche" Lieder handle, wie man sie noch nicht gehört hatte. Die Geschichte vom betrogenen Gesellen, der seine Wanderung durch die vereiste Landschaft antritt, zieht Menschen nach wie vor in ihren Bann.
Schubert erreicht innerhalb des Zyklus' eine schier unantastbare kompositionstechnische Meisterschaft. Beinahe zwei Drittel aller Lieder stehen in Moll. Aber selbst die Lieder, die in Dur stehen, kommen nicht umhin, traurige, verzweifelte Elemente zu beherbergen. Teilweise ist der Tonfall auch verklärend beziehungsweise verklärt.
Das Werk beginnt mit einem der schönsten Lieder Schuberts überhaupt, "Gute Nacht". Beizeiten führt er das Motiv des Flusses ein, ein beliebtes romantisches Motiv. Doch im Gegensatz zur "schönen Müllerin" ist der hier kein holder Gefährte, sondern das eisig erstarrte Ebenbild der Liebe. Trauer und Wut kennzeichnen das Verhältnis ihm gegenüber. Mit dem "Lindenbaum" findet sich eines der populärsten deutschen Volkslieder, das voller Liebe und Anmut steckt. Immer weiter aber steigert sich der Geselle in seine Agonie, bis ihn ein "Irrlicht" - in düsterstem h moll - vom Weg abbringt. Immer unwirklicher und immer hoffnungsloser gebart sich die Reise, auch ein "Frühlingstraum" bringt keine Besserung. Nicht nur die Gegend ist unwirtlich und erfroren, auch die Tiere und die wenigen Menschen, auf die der Geselle trifft, erweisen sich als unterkühlt und widrig. Obschon er sich "Mut" zuspricht, wird im beinahe halluzinogenen "Nebensonnen" deutlich, dass er zerschlagen am Boden liegt. Zum Schluss schließt er sich einem offenbar ebenso gedemütigten "Leiermann" an. Auch wenn hier nicht - wie in der der "schönen Müllerin" - der Tod am Ende steht, so ist es doch ein ausgestoßen Sein aus der Gesellschaft.
Der deutsche Bariton Dietrich Fischer Dieskau hat sich während seiner beispiellosen Karriere intensiv mit der "Winterreise" auseinander gesetzt. Mehrmals hat er den Zyklus aufgenommen, häufig mit verschiedenen Begleitern. Die vorliegende Einspielung mit dem Pianisten Jörg Demus entstand Mitte der 60er Jahre und erfreut sich einer ordentlichen Aufnahmequalität. Für viele Kenner ist dies Fischer Dieskaus beste Interpretation.
Der singt wie gewohnt hell, klar und deutlich. Seine Intonation ist herrlich und wie gemacht für die Lieder Franz Schuberts. Er singt seine Rolle nicht einfach nur, er flößt ihr Leben ein und durchdringt sie in allen ihren Einzelheiten und Facetten. Er schafft sich genügend Freiraum, um prächtig zu nuancieren und Kontraste sowie Akzente zu setzen. Dabei bleibt die Darbietung stets transparent und differenziert. Keine der zahlreichen Einspielungen dieses Zyklus' durch Fischer Dieskau gleicht dem anderen.
Was aber macht die vorliegende Einspielung besonders? Zum einen muss die phänomenale Leistung Demus' gelobt werden, der Fischer Dieskau ausgezeichnet begleitet und sich eines Gerald Moores oder eines Alfred Brendels ebenbürtig erweist. Niemals drängt er sich auf, hält sich stets dezent im Hintergrund, stützt aber dennoch den Gesang meisterlich und subtil. Hinzu kommt die ganz besondere Atmosphäre, die über dem Vortrag liegt: Im Gegensatz zu anderen Deutungen Fischer Dieskaus erweist sich seine 65er Interpretation als wesentlich nachdenklicher und inniger. Aufbrausende Passagen kommen zwar in keiner Weise zu kurz, erweisen sich jedoch als wesentlich gezähmter. Das gibt dem Ganzen den Anschein völliger Resignation, was der Intention Schuberts sehr nahe kommen dürfte.
Fazit: Eine weitere hervorragende Darbietung, die zurecht im Rahmen der sogenannten "Originals" wieder veröffentlicht wurde! Vielleicht nicht die allerbeste, aber diejenige, die Schubert wohl am ehesten vorgeschwebt sein dürfte. Zum Vergleich empfehle ich Fischer Dieskaus Einspielungen mit Gerald Moore beziehungsweise Alfred Brendel oder - um auch einmal andere Interpreten zu Wort kommen zu lassen - Peter Pears' Auslegung an der Seite von Benjamin Britten.