Was der italienische Pianist Maurizio Pollini hier Anfang der 70er-Jahre einspielte, gehört nach wie vor zu den allerbesten Errungenschaften in seiner Diskographie.
Schuberts Wanderer-Phantasie kommt bei Pollini logischerweise im technisch absolut perfekten Gewand daher und verzichtet auf ein verwässerndes und kitschiges Schubert-Bild zugunsten von absoluter Texttreue und Reinheit des Ausdrucks. Manchen mögen diese Interpretation vielleicht als ein wenig zu akademisch abzutun, aber ihre auf der Hand liegenden Vorzüge kompeniseren diesen Mangel als ausreichend. Pollinis Stärke bestand seit jeher in kritischer, sachlicher und unbestechlicher Analyse der von ihm einstudierten Werke. Das Ergebnis ist ein ungemein reines und für Schubert-Kenner vielleicht auch überraschendes Ergebnis: die vergleichsweise irdische Phantasie Schuberts präsentiert sich hier (ganz speziell in der Fuge) als ein architektonisches Meisterwerk von großer Strenge und Formbewußtsein, obwohl der Name "Phantasie" natürlich so ziemlich das Gegenteil suggeriert. Weitere klassische und empfehlenswerte Einspielungen für all diejenigen, denen diese Darbietung zu kühl geraten ist, sind diejenigen von Artur Rubinstein, Sviatoslav Richter, Clifford Curzon und Geheimtipp Leon Fleisher. Die Tatsache, daß all diese Interpreten sich diesem Werk auf ganz unterschiedliche Weise angenähert haben, verdeutlicht genug, daß sich dieses Werk einer eindeutigen Interpretation fast zwangsläufig entziehen muß.
Schumanns Phantasie ist für mich seit Pollini nicht mehr so aufrichtig und rein vorgetragen worden. Hier gibt es keinen Platz für falsche Sentimentalität oder Verniedlichungen. Stattdessen lotet Pollini notengetreu das gesamte dynamische Spektrum aus und versteht es, auf meisterhafte Weise dem oftmals episodenhaft wirkenden Werk eine organische Struktur zu verleihen. Neben der makellosen Technik, die seit jeher ein Markenzeichen des Italieners ist, besticht diese Aufnahme durch eine höchst intensive Beleuchtung der Mittel- und Unterstimmen, denen hier der gebührende Platz zugestanden wird. Das gänzlich uneitle und werkdienliche Spiel Pollinis ist durch und durch überzeugend; meines Erachtens wird hier die Gefühlswelt Schumanns so greifbar wie selten zuvor. Soeziell im Finale verzichtet der Interpret auf jedwedes Pathos und schwelgt in reiner Hingabe sowie der Lust an diesem wohl perfektesten Liebesgedicht in der Geschichte der Klaviermusik.
Die Klangtechnik ist makellos, auch wenn sie bei der Wanderer-Phantasie eher zum metallischen Klang neigt. Bei Schubert stehen - je nach Geschmack - eventuell andere Alternativen höher im Kurs, aber diese Schumann-Phantasie beansprucht für mich mehr oder weniger alleine den Platz an der Spitze der Referenzaufnahmen. Der Vollständigkeit sei dennoch hier auf die Aufnahmen von Sviatoslav Richter, Claudio Arrau und Leif Ove Andsnes verwiesen. Dennoch bleibt festzuhalten, daß Pollini hier vielleicht in der Form seines Lebens war und ein Schumann-Dokument von Ewigkeitsrang schuf. Absolut unverzichtbar!