Eine reizvolle Auswahl aus den Lyrischen Stuecken von Edvard Grieg befindet sich auf dieser CD mit dem russischen Pianisten Emil Gilels. Obwohl erst 1974 aufgenommen, zaehlt die Einspielung schon zu den grossen Klassikern, auch innerhalb der recht annehmlichen CD-Sammlung des Rezensenten. Emil Gilels war einer der pianistischen Grossmeister des 20. Jahrhunderts, und so hebt er sich auch heute noch von vielen der heutigen Pianisten aus der russischen Schule ab. Die Aufnahme wurde von der Deutschen Grammophon mit Recht in die Serie "The Originals" eingereiht, denn sie spiegelt eine zeitlos schoene Interpretation wieder. Nicht die reine Virtuositaet und Fingerfertigkeit, sondern enormer Klangsinn und lyrische Gestaltungskraft bezeichnet diesen Kuenstler. So besticht er auch in dieser Aufnahme zahlreicher gegensaetzlicher Lyrischer Stuecke durch mannigfaltige Schattierungen der Klangfarben und des Ausdrucks. Gilels faengt die Atmosphaere der einzelnen Charakterstuecke beinahe zum Greifen nah' ein. Man fuehlt sich von den bezaubernden Stimmungsbildern der Gegenwart entrueckt.
Die Phrasierung und die schweifenden Melodiebogen in den lyrischen Stuecken spannt Gilels auf sehr singende Weise, aehnlich den Grieg- und Skriabin-Interpretationen von Vladimir Horowitz. In den zarteren der Lyrischen Stuecke entsteht ein so leichter, filigraner Klang, dass man voellig vergisst, dass auch ein Instrument mit Haemmern und Tasten am Resultat beteiligt ist. Doch bei aller Zahrtheit und Kultiviertheit laesst der beruehmte Interpret den Hoerer nicht vergessen, dass man Werke des nordischen Komponisten Grieg vor sich hat, aus dem Norwegen der endlosen Waelder und der einsamen Fjorde. Bezeichnend fuer Gilels' Interpretation findet sich im reich ausgestatteten Booklet sein Kommentar zu Edvard Griegs Werken: Grieg formuliere musikalisch die "Wahrheit des suchenden, einsamen Menschen".