Mit diesen drei Orchesterwerken, zwischen 1964 und 1966 in der Berliner Jesus-Christus-Kirche aufgezeichnet, kann sich jeder Karajan-Verehrer, deren es m.W. ja noch eine ganze Menge geben soll, ein musikalisches Fest bereiten. Die farbig und abwechslungsreich instrumentierten Stücke nimmt Karajan zum Anlaß, die ganze Pracht und Herrlichkeit seiner Berliner Philharmoniker vor dem staunenden Zuhörer auszubreiten.
Die "Bilder einer Ausstellung" von Modest Mussorgsky, in der großartigen Instrumentierung Ravels, sind wie geschaffen für ein virtuoses, mühelos alle Farbschattierungen ausleuchtendes Orchester. Wie der Dirigent am Schluß seine Musiker durch das prachtvolle "Tor von Kiew" führt, das hat schon etwas Umwerfendes. Großartiger und beeindruckender habe ich dieses herrliche Meisterwerk niemals gehört, und die hier wieder vorgelegte Version übertrifft auch Karajans eigene Digitalaufnahme von 1986 darstellerisch beträchtlich, obwohl diese vielleicht klanglich noch ein wenig brillanter ausgefallen ist.
"La Mer" von Claude Debussy hat vielleicht nicht so spektakuläre Gipfelpunkte aufzuweisen, aber auch diese impressionistische Klangmalerei wird delikat und farbenreich dargeboten. Wie Karajan und seine Berliner schließlich Ravels berühmt-berüchtigten "Boléro" in einem absolut ruhigen, keineswegs zu raschen, aber unbeirrbar durchgehaltenen Tempo bis zur flammenden Ekstase steigern, das hat wohl in der langen Rezeptionsgeschichte dieses Stückes nicht seinesgleichen. Der Dirigent hält sich streng an die Vorschrift des Komponisten, der sein Werk "Moderato assai" überschrieben hatte, was auf Deutsch nichts anderes bedeutet als "sehr gemäßigt". Karajan macht nicht den Fehler vieler seiner Kollegen, die dieses Stück meinen tempomäßig anheizen zu müssen. Darum erzielt er m.E. die größtmögliche Wirkung mit einem Werk, bei dessen Erstaufführung eine ältere Dame erschrocken ausgerufen haben soll: "Hilfe, ein Verrückter!", worauf Ravel prompt erwiderte: "Die hat mich verstanden." Karajans Boléro-Interpretation ist nichts anderes als ein langgezogener Akt musikalischer Hypnose.
Die DGG hat für ihre Serie "The Originals" weder Kosten noch Mühen gescheut. Neben der Abbildung der originalen LP-Cover enthalten die Textbücher hervorragende Beiträge namhafter Musikkritiker. Im vorliegenden Fall wurde Peter Cossé herangezogen. Die Klangqualität der im "Original-Image Bit-Processing" restaurierten Aufnahmen ist glänzend und erfüllt hohe Ansprüche.