Obwohl der Klassik-Katalog unzählige Aufnahmen von Beethovens Symphonien enthält, zu denen fast monatlich noch neue hinzukommen, und gerade die 5. und 7. Symphonie sich bei den Interpreten ganz besonderer Beliebtheit erfreuen, sind Carlos Kleibers Beiträge ganz einfach ein Muß für jeden, der sich mit klassischer Musik auch nur ein wenig beschäftigt. Das gilt noch heute ganz uneingeschränkt, obgleich die Produktionen bereits 30 Jahre alt sind. Es sind Meilensteine in der langen Geschichte der Beethoven-Rezeption, die sich praktisch jedem Vergleich entziehen, weil sie einmalig und trotzdem nicht extravagant sind. Carlos Kleiber war Zeit seines Lebens kein Produzent von Massenware, seine diskographische Hinterlassenschaft ist vergleichsweise schmal. Das hing damit zusammen, daß der Künstler erst dann ein Werk der kleinen Ewigkeit der Schallplatte anvertraute, wenn er es unzählige Male aufgeführt und sich schließlich mit seiner Interpretation hundertprozentig identifizieren konnte. Beethovens Fünfte, ein leider mehr als überstrapaziertes Werk, von dem der Schweizer Komponist Arthur Honegger einmal gesagt hat, nachdem er sie nun über zweihundert Mal gehört habe, sei sie für ihn nur noch Geräusch, wird unter Carlos Kleibers Stabführung quasi neu geboren. Man hört Stimmen und auch Nebenstimmen, die man glaubt noch nie vernommen zu haben. Das Werk wird unter einen schier unerträglichen Spannungsbogen gestellt, und noch nie habe ich den Triumphgesang des Finale in einem solch überschäumenden Taumel gehört. Ich bin mir ziemlich sicher: Diese Deutung hätte selbst Honegger noch einmal aufhorchen lassen. Die Siebente ist von absolut gleicher Größe, das Spiel der Wiener Philharmoniker, besonders der Streicher im zweiten Satz, ist von einem Glanz und einer Präzision sondergleichen. Es fällt auf, daß der Dirigent den Pizzicato-Schluß des zweiten Satzes wählt, genau wie sein Vater Erich in der alten Aufnahme mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam. Das Finale der Siebenten erklingt trotz des lebhaften Tempos nirgends überhetzt, wie das bei vielen anderen Dirigenten - leider - der Fall ist. "Carlos Kleiber und die Wiener Philharmoniker verbanden die Inspiration einer Konzertwiedergabe mit der Genauigkeit studiomäßiger Detailarbeit", heißt es in der Textbeilage dieser Ausgabe. Damit ist der Nagel auf den Kopf getroffen.
Der Klang der Aufnahmen von 1974 (Nr. 5) und 1975/76 (Nr. 7) ist voll und prunkend, das "Original-Image Bit-Processing" der DGG hat gegenüber den Originalausgaben noch für eine beträchtliche Verbesserung gesorgt. Eine besonders bedeutende Edition in der Serie der "Originals", die noch zusätzlich durch einen wertvollen Beitrag von Peter Cossé im Textbuch aufgewertet wird. Ein Denkmal für Beethoven, eine CD für den Platten-Olymp, ein Album für die einsame Insel, ein Muß für jeden Klassik-Freund!