Die Sonaten und Partiten für Violine solo BWV 1001 bis 1006 von Johann Sebastian Bach gelten zusammen mit einigen anderen seiner Kompositionen als der Gipfelpunkt seines Schaffens. Wie in wenigen anderen Werken schafft es der Thomaskantor hier, die menschliche Seele bis aufs Letzte zu entkleiden. Die lichtdurchfluteten Stücke erforschen sämtliche Ausdrucksformen menschlichen Daseins und spenden dabei unglaublich viel Trost und Zuversicht. Dabei verlangen sie selbst heutigen Geigenvirtuosen noch alles ab.
Obwohl sich Nathan Milstein (1903-1992), einer der bedeutendsten Violinisten des vergangenen Jahrhunderts, bereits von der öffentlichen Bühne zurückgezogen hatte, entschied er sich 1973 dennoch dazu, für die Deutsche Grammophon diesen Meilenstein abendländischer Musikgeschichte einzuspielen.
Und diese Einspielung gilt vielen Liebhabern bachscher Musik bis heute als maßstabsetzend. Die Aufnahme zeichnet sich durch fünf besondere Merkmale aus: Zum einen muss das digitale Remastering der DGG in höchsten Tönen gelobt werden. Die Tonmeister haben es geschafft, dem Hörer eine unglaublich dichte Atmosphäre ins Wohnzimmer zu liefern. Ein gewisses Bandrauschen darf freilich nicht verleugnet werden, immerhin hat die Aufnahme fast 40 Jahre auf dem Buckel.
Bachs Sonaten und Partiten sind hochvirtuose Stücke. Und so verzichtet Milstein ganz natürlich nicht darauf, die Kompositionen auch so zu nehmen. Dementsprechend zügig und authentisch spielt er sie. Man höre sich nur die schwindelnde Perfektion in der berühmt berüchtigten Ciaccona aus der d moll Partita BWV 1004 an! Milstein sträubt sich vor keiner Hürde, er ist bereit, den von Bach vorgeschriebenen Läuterungspfad zu beschreiten.
Dabei versäumt es der Geiger allerdings nicht, mit genügender Demut hinter die zutiefst menschliche Aussage der bachschen Kompositionen zurück zu treten. Er stellt sich in den Dienst des Werkes. Sein Anspruch auf absolute Authentizität, Glaubwürdigkeit und Zeitlosigkeit ist deutlich wahrnehmbar.
Milsteins Darbietung ist äußerst farbenreich, stets klanglich differenziert und punktgenau abgestuft. Selten beispielsweise habe ich die E Dur Partita BWV 1006 derart abwechslungsreich und bunt ausgeleuchtet erlebt wie in dieser Einspielung. Milstein versteht es trefflich, durch überraschende Tempowechsel die innere Spannung des Werkes aufrecht zu erhalten.
Hinzu kommt ein unvergleichlicher Kontrastreichtum. Milstein setzt haargenaue und straffe Akzente, ohne dabei jemals Töne hinter sich her zu schleifen, was aufgrund seines fortgeschrittenen Alters zum Zeitpunkt der Aufnahme besonderes Lob verdient. Besonders in der umfangreichen und vielfältigen h moll Partita BWV 1002 fällt das auf, wenn der Virtuose langsame und schnelle Sätze perfekt und akribisch gegeneinander abstuft.
Fazit: Vielleicht heute in Anbetracht modernerer Einspielungen nicht mehr das non plus ultra, dennoch aber eine stupende Deutung, zeitlos und unverzichtbar!