Ich habe mich lange, über ein Jahr, darum gedrückt, ein Review zu schreiben. Zunächst kam die Platte zu einer relativ unpassenden Zeit heraus, in der ich keinen rechten Nerv hatte, mich überhaupt intensiver mit Musik zu beschäftigen. Dafür kann die CD natürlich nichts. Dann die CD aber selbst: relativ unausgegoren schallte es mir entgegen und machte absolut keinen Bock auf Repeat.
Jetzt, nach diversen Umdrehungen im Player und eine Live-Show (mit Psychotic Waltz - yeaaah! und Symphony X) später, vermag ich das vorläufige Endergebnis präsentieren. Fazit: wir hören eine Platte, die in der ersten Hälfte Nevermore in relativ schwacher Form featured und in der zweiten Hälfte Warrel Dane solo in allerdings gewohnt guter Form. Ergebnis: eine gegenüber dem bisherigen Material abfallende CD, die zum anderen Songs enthält, die zwar gut sind, die man aber nicht von Nevermore hören will.
Immerhin besser als Morbid Angel - die CD hat auch Tracks, die man nicht von MA hören will, die aber zu allem Überfluss auch noch grobe XXX sind!
Anyway, hier die Einzelbewertung:
1. The Termination Proclamation: Netter Opener mit den typischen hackenden 32stel Triolen Läufen von Loomis der neuen Art mit einem etwas Dissonanten Refrain, der auch auf Politics hätte stehen können. Solider Start.
2. Your Poison Throne beginnt mit etwas peinlichen Gangshouts "Rise! Rise!", ist aber eine fetzige Nummer, die vor allem Live sehr gut zur Geltung kam, wo auch das "Rise!" aus hunderten von Mündern ziemlich fett kam.
3. Moonrise verbindet Enemy-haftes, hartes Strophen Riffing mit einem überraschend catchy Refrain, der auch eher in den Solokontext passt, andererseits aber auch in der Liga wie Heart-Collector steht. Hier sind die harten Schnitte zwischen den heftigen und soften Passagen sehr gut gelungen.
4. The Maiden Spoke hat sich nach anfänglicher Skepsis zu einem meiner (wenigen) Faves auf dem Album gemausert. Gerade der Anfang mit den sphärischen Flanger-Gitarren über der sich im Hintergrund aufbauenden Soundwand ist wirklich sehr gut gelungen. Auch die ziemlich hektischen, thrashigen Strophen kontrastieren sehr gut zu dem leicht psychedelischen Refrain. Auch die Bridge mit den freundlichen Geisterchören und der Ausbruch in den Prä-Chorus ist wirklich saugeil. Verbindet in dem Kontext wenn man so will die Tugenden der Songs "Enemies of Reality" und "Noumenon".
5. Nach dem starken, bzw. sich deutlich steigernden Auftakt beginnt mit Emptiness Unobstructed der Teil der Platte, den ich als Warrel Dane Soloexkurs empfinde. Ein starker, rockiger Track, der auch auf Praises for the Warmachine gepasst hätte und der direkt mit dem Power-Chorus einsteigt, bevor es zu cleanen Gitarren zunächst zur Strophe geht. Der Aufbau ist dann genreüblich ohne weitere Überraschungen. Käme danach wieder ein Kracher, wäre dieser Song eine wie bei Nevermore bislang üblich eine Powerballade an Stelle 5 oder 6 eines Albums.
6. Leider wird danach nicht geschreddert (sowas wie River Dragon wäre jetzt geil!), nein, es setzen wieder cleane Gitarren ein und die Stimmung und die Power wird noch eine Nuance runtergefahren. Allerdings nicht in der Intensität wie in dem letzten Drittel von Dreaming Neon Black. Textlich wird nochmals die Brother Thematik von Praises aufgearbeitet. Es pendelt so zwischen Clean-Klampfen Piano Strophen und etwas fetterem Chorus hin und her. Ein sehr gefühlvolles Solo leitet in den Höhepunkt (3:11) des Track über, wo der Titel zum ersten Mal in der Lage ist, zu berühren. Powerballede Nummer 2 - und die zweite in Folge. Sind wir hier bei Stone Sour?
7. So, jetzt aber fette Keule? Ja, Without Morals steigt mit einem generischen Loomis-Riff ein und man denkt, ja, jetzt gehts ab, aber der Prä-Chorus driftet wieder in die Praises-Ecke ab. Mann, was ist denn los? Und dann der Schnulli-Chorus: "This is why I hate you... tralala". Früher wäre das in den höchsten Falsett-Tönen rausgekrischen worden, aber heute alles schaumgebremst. Wahrscheinlich zuviel Kippen. Chance vertan.
8.So, jetzt noch mal ein Nackenbrecher wie Born? Nein! Stehende Gitarrenwände über Keyboards, verschleppter Rhythmus, oh nein, was ist das? Der Gesang setzt ein und die Zerrklampfen verschwinden. Es kommen - WIEDER! - cleane Gitarren und Spoken Word Performance. Dann Gezirpe und sehr verhaltener Gesang. Was ist da los? Ebenfalls ein Song, der auf Praises hätte stehen können. Da nützt es auch nichts, wenn ein paar belanglose Stakkato-Riffs zwischen die belanglosen Strophen geklatscht werden. Der Chorus "The Day you built..." ist dann doch dann ganz gelungen und der Song bekommt bei dem Solo (ca. ab 2:50) dann noch eine gute Wendung, erreicht aber niemals die Intensität von "Dreaming Neon Black" oder meinetwegen "Who Decides".
9. Ok, jetzt bin ich richtig stinkig. She Comes in Colors. Akustikgitarren, nöliger Gesang. Scheint nach 4 Halballaden in Folge die erste Vollballade zu sein. Gutes Solo bei ca. 0:40. Immerhin setzen eine Minute später fette Gitarren ein und es geht in respektabler Nevermore-Manier weiter. Der Song entwickelt sich dann recht ordentlich - ist meinetwegen eine Art Mini-Epos, das nach den vorherigen Titeln einfach schlecht platziert ist.
10. Der erhoffte Rausschmeißer (wir erinnern uns an Seed Awakening oder Dead Heart..) lässt sich gut an, ist aber in der Stophe relativ austauschbares Loomis 32stel-Geschrote, das im Prä-Chorus teilweise ordentlich Fahr aufnimmt um in einem relativ variablen Chorus gipfelt. Hier wird sehr gut mit den Tempi gearbeitet, kompositorisch und vom Arrangement sehr intelligent gelöst. Halbwegs versöhnender Abschluss einer CD, die durchwachsener nicht sein könnte.
Der Sound ist übrigens auch insgesamt relativ harmlos, das selbst die sägenden Passagen nicht so wirklich knallen wie bei den Alben seit Dead Heart. "Schuld" daran ist Peter Wichers, den Warrel von seinen Solosessions gleich mit rübergeschleppt hat.
Fazit: Warrel und Wichers mögen funktionieren. Wichers und Nevermore nicht. Konsequenterweise sind Loomis und Williams nach der Tour gleich ausgestiegen. Schauen wir mal, was Warrel und Jim ohne das Riffmonster noch so gebacken bekommen. Es steht zu befürchten, dass diese CD der Schwanengesang einer der besten Metal Combos aller Zeiten sein könnte. Dafür ist und wäre der Output allerdings so stark, dass man hier in Würde abtreten würde.
Besitzer der Supi-Dupi Deluxe Edition dürfen sich über zwei Coverversionen, Temptation von The Tea Party und The Crystal Ship von The Doors "freuen". Ersteres hat einen ziemlich nervigen Chorus, der sofort nach SKIP schreit. Mangels Kenntnis des Originals kann ich nicht beurteilen, wie gut oder wie schlecht das Original umgesetzt wurde. Silent Hedges bzw. The Sound of Silence waren allerdings aus einem ganz anderen Holz geschnitzt.
Crystal Ship basiert ausschließlich auf Gitarre und ist daher jedenfalls musikalisch interessanter, wenngleich ein Piano / Rhodes etc. die Sache sicher noch dicker gemacht hätte. Der Gesang von Warrel passt nicht, da er versucht, das Stück durch die Flüstereinlagen und tiefes Dubbing in eine Pseudo-Evil Ecke zu packen, wo es überhaupt nicht hinpasst.
So, genug jekotzt!
Eine durchwachsene CD mit sehr starken Momenten am Anfang, die gegen Ende nur bedingt wieder Fahrt aufnimmt. Schauen wir mal, wie es mit Nevermore weitergeht. Wäre zu hoffen, dass sich die Jungs wieder zusammenraufen!