So viele Ein-Stern-Bewertungen für diesen Film, was ist hier bloß passiert? Versuchen wir es rational zu ergründen: ich möchte niemandem vorwerfen, den Film nicht verstanden zu haben, allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass der Großteil der Rezensenten mit falschen Erwartungen an den Film herangetreten ist. Segelschiffe, Indianer und schnittig gekleidete Engländer lassen einen bunten Abenteuerfilm vermuten, was "The New World" allerdings nicht ist; ganz und gar nicht!
Zu Zeiten der Aufklärung (also im 18. Jahrhundert) war es vor allem auf dem Theater üblich, Probleme und Konflikte der Gegenwart anhand historischer Begebenheiten aufzuarbeiten; Goethe und Schiller haben dies, in etwas abgewandelter Form, auch gemacht (man denke da vor allem an "Maria Stuart" oder im entferntesten Sinne auch an "Torquato Tasso"), konnten diese literarische Tradition aber auch nicht am Leben erhalten; sie starb zu Gunsten der bedingungslosen Freiheit der künstlerischen Schöpfungskraft und Phantasie, was aber nicht heißen muss, dass es eine schlechte Form der literarischen Arbeit war. Ganz im Gegenteil!
Terrence Malick geht bei "The New World" nämlich ganz ähnlich vor: die Story rund um Pocahontas (dieser Name wird übrigens niemals genannt) und Captain John Smith dient dem Regisseur nämlich lediglich als "Grundgerüst" für eine elementare Meditation über Liebe, Glück Verlust und Entfremdung; die mitunter sehr poetischen, von Stimmen aus dem Off vorgetragenen Perspektiven erinnern nicht selten an einen mittelalterlichen Minnesang, in dem das Zueinanderfinden und Auseinandergehen der Protagonisten geschildert wird, von denen einer schließlich (in diesem Fall Pocahontas) Hoffnung in einer neuen Liebe schöpft, die letztlich zum endgültigen Bruch mit dem Verflossenen führt; was den lyrischen Aspekt des Film zusätzlich unterstreicht, sind die Leitsymbole "fließendes Gewässer" und "Bäume/Wälder", die in ihrer Gegensätzlichkeit letztlich beide für einen Aspekt stehen: Unantastbarkeit und intuitives Streben nach einem Ziel, das den Selbsterhalt sichert. Besonders schön weiß Malick dies in der Eröffnungsszene darzustellen: in einem Fluss spiegeln sich Baumkronen, das Bild wird kurz durch vorbeischwimmendes Laub gestört, bis es schließlich wieder ungetrübt erscheint - durch dieses wunderbare Bild nimmt der Regisseur im Grunde schon die Handlung vorweg, ähnlich einer kleinen Exposition, die in einer schnell geschnittenen Abschlussszene (Bäume und Wasser wechseln sich ab) eine negative Entsprechung findet.
"The New Wolrd" ist eine wunderbare Elegie, hinter deren Bilderablauf eine konstante Melodie erklingt, welche Figuren, Dialoge und sogar das Licht zu führen scheint. Und wer hätte gedacht, dass in dem Moment, in dem sich die Protagonistin gegen den "fremden" Collin Farrell und für Christian Bale entscheidet, das stumme Ergreifen seines Oberarms derart ergreifend sein kann, dass es zu Tränen rührt?
Letztlich sei gesagt, dass der Film niemandem gefallen muss; seien wir doch froh, dass wir immer noch selbst entscheiden können, was wir als gut befinden und was nicht. Allerdings kann es ja nicht schaden, "The New World" noch einmal mit neuem Anspruch zu sehen, auf dass er mehr Menschen so gut gefällt wie mir!