Das Buch reiht sich in eine zunehmend größere Anzahl von Arbeiten ein, welche seit dem Ende der 90er Jahre zu den Konflikten im ehemaligen Jugoslawien zu Tage treten und der nach wie vor der noch weit verbreiteten öffentlichen Meinungen des ethnischen Hasses als Auslöser der Konflikte eine entgegengesetzte Sichtweise bietet.
Die Arbeit geht über ein rein deskriptives Werk weit hinaus, welches ihr jedoch als gut fundierte Basis zugrunde liegt. Vom Ansatz her sehr analytisch rückt sie die Balkan Konflikte in eine gegenüber populistischen Meinungen neue Perspektive, indem sie das Stigma der vermeintlich ethnisch verursachten Konflikte bedeutend abschwächt und eine akribisch aufbereitete Einsicht in die Interessenlage der politischen Elite bietet sowie deren Strategie des Machtgewinns und -erhalts Ende der 80er und in den 90er Jahren offen legt.
Auch dem bezüglich politischer Hintergründe weniger erfahrenen Leser sollte die Wirkungsweise der von Gagnon identifizierten Demobilisierungsstrategie weiter Teile der Bevölkerung von Seiten der mächtigen politischen Kräfte beider wesentlicher Lager sehr verständlich sein. Der balkanerfahrene Leser wird im beschriebenen Agieren der wichtigsten politischen Figuren einige vorherrschende Denkmuster des Westbalkans leicht wiedererkennen, welches die Glaubwürdigkeit der ohnehin eingänglichen Analysen weiter unterstützt. Sehr interessanten und unerwarteten globalen und zeitbezogenen Kontext erhalten Gagnons Schlussfolgerungen am Ende des Buches, wenn man Parallelen der analysierten Demobilisierungsstrategien gerade auch heute noch in Teilen der westlichen Welt wieder findet.
In der Natur der gewählten Art der Behandlung des Themas liegt es allerdings, dass sich Gagnon zum Teil sehr vertieft in einzelne Details der politischen Konstellationen, welches dem Leser stellenweise auch Durchhaltevermögen abverlangt. Manche Schlussfolgerungen, die er zieht, insbesondere hinsichtlich ökonomischer Anreize und Effekte von politischen Strategien, lassen sich auch nicht immer ganz stringent nachvollziehen. Ebenso wird das Thema Bosnien aus Sicht der dritten wesentlichen Kraft auf dem Balkan eher am Rande behandelt, wodurch der Leser unter Umständen nicht das gesamte Bild erhält.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass wer dieses Buch gelesen hat, automatisch eine etwaige und oft vorkommende Voreingenommheit der Sicht der Ereignisse und Lage auf dem Balkan verlieren sollte. Das Gespenst ethnischer Spannungen - wie von Gagnon eindrucksvoll belegt - maximal als Folge, nicht aber als Auslöser der Konflikte zu begreifen, kann ganz wesentlich dazu beitragen, die eigene Sichtweise und Haltung zum heutigen Balkan und der dortigen Bevölkerung in ein entsprechendes Licht zu rücken.