"The Mysteries of Udolpho" ist unter Literaturwissenschaftlern ein eigenartiges Werk, denn nahezu jeder kennt es, wenige haben es aber tatsächlich gelesen. Dabei ist dieser gewaltige Roman eine Pflichtlektüre für jeden, der sich mit der Gothic Novel auseinadersetzen möchte und zugleich generell ein Wissen über den englischen Roman für sich beanspruchen möchte.
Man muss ihn gelesen haben, um etwa Jane Austens "Northanger Abbey" verstehen zu können, insbesondere die Parodie auf "The Mysteries of Udolpho". Man muss ihn gelesen haben, um den Ursprung der typischen Gothic-Topographie, das weitläufige, wildromantische Schloss im Apennin, sinnlich vor Augen zu haben. Denn dieses Szenario sollte bis zum Fin de Siècle den englischen Schauerroman prägen. Und zu guter Letzt muss man ihn gelesen haben, um einen Begriff vom englischen Roman der Romantik zu haben, denn in der Tat ist "The Mysteries of Udolphos" zu einem Großteil die Charakterstudie einer verträumten jungen Frau.
Was die Oxford-Ausgabe angeht, muss zu der sehr informativen Einleitung allerdings der Rat gegeben werden - wie schon in einer anderen Rezension erwähnt -, diese erst am Ende zu lesen. Darin wird allzu viel über die inhaltlichen Geschehnisse verraten, die das Leseerlebnis beeinträchtigen können.
Man lasse sich also gleich auf Emily St. Auberts Geschichte ein, in der Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Das ruft insbesondere Theorien zur gothic novel, etwa Todorov, auf den Plan. Aber auch für nicht-Literaturwissenschaftler kann dieser poetische und sehr lyrisch geschriebene Wälzer durchaus ein Leckerbissen. Er behauptet zusammen mit "The Italian" den Rang Radcliffes als einer der größten Autorinnen der Gothic Novel aller Zeiten.