Wilkie Collins, der Erfinder des Krimis, präsentiert mit "The Moonstone" eine lange, spannende, amüsante Detektivgeschichte, die nicht nur einen interessanten Fall, sondern auch literarischen Anspruch zu bieten hat. Aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Personen wird das Verschwinden eines gigantischen Diamanten beschrieben, der es in sich hat: Ursprünglich als heilige Reliquie einer hinduistischen Gemeinschaft verehrt, wird er von einem uniformierten Glücksritter in Indien gestohlen und nach England gebracht. Um ihn vor dem Zugriff seiner ihm nacheilenden indischen Besitzer (bzw. einer Bruderschaft aus Priestern, die den Diamanten bewachen und verehren) zu schützen, landet das gute Stück in einem Banktresor, bis der Dieb stirbt und ihn testamentarisch seiner Nichte, Rachel Verinder, vermacht. Die erhält ihn an ihrem achtzehnten Geburtstag - unter den wachsamen Augen einiger Inder, die von der Transaktion erfahren haben und auf eine neue Gelegenheit hoffen - und verliert ihn noch in der selben Nacht prompt wieder.
Umfangreiche Ermittlungen unter den Geburtstagsgästen setzen ein, es werden Verdächtigungen laut, es kommt zu einem Selbstmord aus Liebe, Polizisten und Privatermittler stellen das Landhaus der Verinders in Yorkshire auf den Kopf und am Ende scheint es so, als sei der Diamant rasch nach seinem Verschwinden auf verschlungenen Wegen nach London gebracht und dort von einem zwielichtigen Geschäftsmann wieder einmal einem Banktresor anvertraut worden.
Ein junger Verwandter der Bestohlenen, Franklin Blake, der (als Hobbydetektiv, als derjenige, der immer wieder Polizei und sonstige Ermittler in ihren Untersuchungen unterstützt und vorantreibt, und nicht zuletzt als Verdächtiger) im Mittelpunkt der Ermittlungen steht, bemüht sich durch Sammeln von schriftlichen Zeugenaussagen, die Ereignisse unmittelbar um das Verschwinden des Steins zu rekonstruieren - und stellt fest, daß er selbst stärker involviert ist, als er ursprünglich annahm.
Ich möchte hier nicht zuviel zum Inhalt verraten. Der Plot enthält viele überraschende Wendungen und Offenbarungen, ständig werden Aussagen gegenübergestellt und auf ihren Wahrheitsgehalt und ihre Bedeutung für die Suche überprüft, was sehr an bekannte Krimiserien erinnert. Dabei kommen in "The Moonstone" aber auch die Charaktere nicht zu kurz. Wilkie Collins ist es gelungen, ein sehr verschrobenes, eigenwilliges, originelles Ensemble zusammenzustellen. Jeder Erzähler ist ein Charakterkopf und hat seinen eigenen Stil und seine Markenzeichen. Dabei hat man den Eindruck, daß der Autor (und mit ihm Franklin Blake, der die Aussagen sammelt) sich über die teils sehr abgehobenen Sichtweisen seiner Figuren amüsiert, ohne sich böswillig über sie lustigzumachen. Es ist ein Genuß, sich in die Denkweise eines Gabriel Betteredge hineinzufühlen oder einer Miss Clack bei ihren generalstabsmäßigen Missionierungsbemühungen und ihrer verzehrenden, aber uneingestandenen Liebe zu einem Hochstapler zuzusehen, der durchaus Züge eines Gilderoy Lockhart aufweist.
"The Moonstone" weckt auch dann Interesse und erhält die Spannung aufrecht, wenn man der Geschichte als Leser erst einmal skeptisch gegenübertritt oder sich wegen der Länge besorgt zeigt. Beim Lesen vergißt man rasch, daß man im englischen Original fast 500 engbeschriebene Seiten vor sich hat. Unbedingt zu empfehlen, und nicht nur, weil es sich dabei sozusagen um die Mutter aller Kriminalromane handelt.