.
RÜCKBLICK
Fast zehn Jahre ist es her, als "Mr. Red Horn" Nils Landgren mit dem Album
Sentimental Journey als Balladensänger Furore machte und sogar manchen seiner Funk-Fangemeinde überraschte. Songs wie "Ghost In This House" und "Speak Low" oder "Everything Must Change" in Begleitung des schwedischen Fläskkvartetten (Fleshquartet) nahmen gefangen und haben auch mich nie mehr losgelassen.
Dabei war es damals nicht seine erste Begegnung mit solchen Standards.
Ballads (Anm.: "Malkmus" ist von Amazon unsinnig verknüpft) hieß der Vorgänger v. 1993/98. Unvergessen: Das Eddie Harris Tribut "You Stolen My Heart" mit dem Trio e.s.t.. Oder "Killing Me Softly", ein Song, der nach wie vor Download-Chartsplätze belegt. Diese softe Seite Landgrens deutet sich ebenfalls im noch heute bestehenden Duo Chapter Two an (mit Johan Norberg, Gitarre/Voc, zwei Alben in den 90ern
Chapter Two/2; Nr. 1 nicht mehr erhältlich), als er sich ansonsten noch wild zwischen Rock-Pop, Freejazz und Funk bewegte, wovon er insbesondere Funk bis heute mit ungebändigter Leidenschaft spielt. Landgren ist ein überaus vielseitiger Musiker und wunderbarerweise in keine Schublade zu stecken, was zudem seine Ausflüge in Barockmusik-Adaptionen beweisen. Für einige Hörer mag dies problematisch sein, ich finde es Klasse. Interessant ist, Entwicklungen verfolgen zu können, speziell auch bei vereinzelt mehrfachen Interpretationen von Songs über Zeit und Raum hinweg.
*
SUMMA
Wer an den eingangs erwähnten Balladenalben mit dem Landgren eigenen Understatement und seiner außergewöhnlichen Stimme Gefallen gefunden hat, dürfte den jetzigen Smooth-Mix ebenfalls mögen. Insofern darf sich ein breites Publikum angesprochen fühlen. Zum Einigeln - allein, zu zweit ... für eine Schmuseparty unter Weinlaub und schummerigen Lampions - eignet sich das neue Werk bestens. Es sind schöne, teils mit der "typisch nordischen Melancholie" überhauchte "Romantik-Nilse" geworden und der Albumtitel sagt bereits alles. Darüber hin zerschmilzt Landgens frisch gebutterte Posaune zwischen purpurrotem Sonnenuntergang und Blauzone.
*
INHALT
Die zwölf Tracks beinhalten neben neu arrangierten Covertiteln bekannter Standards drei Eigen- bzw. Neukompositionen.
Gespielt wird zumeist in Quartettformation, traditonell-gediegen.
Den überaus eingängigen Titelsong (Nr. 2) - eine rührend zärtliche Ballade über ewige Liebe - schrieb Landgren gemeinsam mit Michael Wollny. Wollny hat darüber hinaus hier und in den meisten anderen Stücken den Pianopart inne, womit man ihn nun auch als recht dezenten Begleiter kennenlernt; ansonsten finden sich kurze, von ihm teils in Resonanz zum Posauenspiel perlend leicht dahin getupfte Pianointermezzi in den Titeln Nr. 7 und 8. Lediglich bei Landgrens "Joes Moonblues" (Nr. 4) sitzt ausnahmsweise Crusader-Chef Joe Sample mit unverkennbarem Anschlag am Piano - ein Rhythmus betontes Instrumentalstück in der Tradition ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit auf dem Gute-Laune-Macher
Creole Love Call. Das schlichte "Angels of Fortune" (Nr. 5) ist eine Schöpfung des bei den meisten Aufnahmen mitwirkenden Bassisten Lars Danielsson und dessen Ehefrau, der dänischen Sängerin Cäcilie Norby, die diesen Titel im dualen Einklang mit Landgren singt.
Lässig swingend und mit einem verschmitzten Augenzwinken via gestopfter Posaune präsentiert Langren "Oh, You Crazy Moon" (Nr. 3). In "Til` There Was You" (Nr. 7), einem insbesondere durch das Beatles-Cover (1963) bekannt gewordenen Oldie aus dem 50er Jahre Broadway-Musical "The Music Man" bewegt er sich bossa-like irgendwo zwischen Sonny Rollins und Peggy Lee.
Zudem sorgen weitere namhafte Beteiligte für Abwechslung in den Coversongs:
Nahezu sphärisch und traumverloren klingen die beiden Stücke mit Richard Galliano am Akkordeon und Johan Norberg an der Gitarre: Besonders der CD-Opener zur Blauen Stunde, Cat Stevens "Moonshadow" wirkt durch das etwas aus dem Rahmen fallende, gerade deshalb bestens gelungene Arrangement wie ein Brückenschlag zu Sentimental Journey. Der im Trio introvertiert gespielte Mancini-Instrumentaltitel "Moon River" (Nr. 6) erhält durch das spartanisch akzentuierende Akkordeon eine Ahnung von französischer Boheme. Im nah an Herbie Hancocks Original gehaltenem "Stars In Your Eyes" (Nr. 8) schart Landgren sämtliche seiner unverzichtbaren Schwedenmädels als Backgroundchor um sich - Ida Sand (gerade veröffentlichtes Soulalbum:
The Gospel Truth), Rigmor Gustafsson, Jessica Pilnäs, Sharon Dyall, Viktoria Tolstoy sowie die Sopranistin Jeanette Köhn, mit der Landgren ansonsten seine klassisch-barocken Jazzambitionen teilt. Brasilianisches Temperament steuert Landgrens Duett Holofotes von und mit Joao Bosco bei (Gitarre/voc, Trio, Nr. 11).
Schmeichelnd Volltönendes liefern die üppigen Arrangements von Vince Mendoza für zwei große Orchesterformationen:
- für die NDR Big Band in "The Moon `s A Harsh Mistress"(Nr. 10) - mancher Jazzliebhaber wird sich an unvergessliche Festivalmomente erinnert fühlen - JazzBaltica/2006 mit Pat Metheny an der Gitarre, an deren Stelle nun die Posaune erklingt und die warmen Big Band Bläsersätze deutlicher zur Geltung kommen als damals;
- für das Stockholm Philharmonic Orchestra das wunderschöne "Lost In The Stars" (Nr. 12) im Stile eines traditionellen Broadway-Weill, der in seiner deutschen Heimat weniger bekannt ist als der kantige Brechtscher Art. Und damit fällt nach gut 55 Minuten auch schon der sternchenbestickte Samtvorhang über dem kristallklar aufgenommenen Mondenschein.
Mit "Please Don`t Tell Me How The Story Ends" (Nr. 9) habe ich Landgren zuletzt in einer in vielerlei Hinsicht einprägsamen Gedenksession für Esbjörn Svensson bei der JazzBaltica 2011 erlebt. Im Review des Hamburger Abendblattes stand zu seinem Vortrag:
"Keiner im Jazz singt so unambitioniert, so kreidig, so intim wie Landgren, keiner weckt mit so wenig Stimme so viel Gefühl."
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Außer: Mir gefällt es - dafür einen Vollmond ... :-)
***
TIPP
Auf Landgrens Homepage nilslandgren.com ist das EPK zur CD zu sehen sowie die Daten zur DE-Tour zu finden (Herbst 2011 mit Wollny/p, Danielsson/b, Kihlberg/dr.)
***
Anmerkung zur Produktver- und Beipackung:
Grundsätzlich nichts gegen Digipaks, außer, wenn man sich wieder einmal mit dem gesamten Label-Produktkatalog amüsieren soll, der eh bei ACT online archiviert ist. Insgesamt mutet das gerade als (statt) Beigabe zu solch einem Album doch recht lieblos an - bei allem Verständnis ...
***