Ich gebe zu, mir dieses Buch aus "'niederen Beweggründen"' gekauft zu haben, nämlich nach der Lektüre von Preston/Childs '"The Relic"'. Die dort angedeutete "Stadt unter der Stadt" war sehr realistisch beschrieben und ich wollte mehr erfahren.
Mit einer gewissen jugendlichen Naivität widmet sich Jennifer Toth ihrem Thema, den Obdachlosen, die in den U-Bahn-Tunneln und Versorgungsschächten unter New York leben. Sie berichtet über die Lebenssituation dieser Menschen, die sie teils nach Wohnort, teils grob nach Gruppen in Kapiteln zusammenfasst: Familien, Frauen, Graffitikünstler, jugendliche Ausreißer. Sie berichtet über eine Begegnung mit einer Zehnjährigen, die von einer Klassenkameradin behauptet, sie lebe in diesen Tunneln. Sehr bitter sind die Beschreibungen der wohltätigen Einrichtungen und Obdachlosenasyle, in die viele Obdachlose aus nachvollziehbaren Gründen nicht gehen wollen. Auch die Einrichtungen bzw. Initiatoren von sozialen Projekten kommen zu Wort, und auch die haben es nicht leicht.
Punktuell ist Jennifer Toths Stil verwirrend oder sogar widersprüchlich. So beschreibt sie zu Beginn des Buches drastisch das Auffinden einer von Ratten angefressenen Leiche. Solche Szenen wiederholen sich nicht; möglicherweise will sie mit diesem reißerischen Einstieg einen stärkeren Kaufanreiz schaffen, als sie mit bedrückender Atmosphäre erreichen könnte. Sie weist permanent auf die Gefahren des Tunneldaseins hin, auf die Gewalt, die sich die Bewohner gegenseitig antun, die Aggressivität, den Drogenmissbrauch und die häufig auftretenden, teilweise aus dem Drogenmissbrauch resultierenden Geisteskrankheiten. Andererseits lässt sie beim Leser den Eindruck entstehen, sie sei allein mit den 'Mole People' in den Tunneln gewesen, auch wenn sie von der Polizei eindringlich vor den Gefahren eines solchen Tuns gewarnt wurde. Scheinbar mit Leichtigkeit konnte sie die Polizisten überzeugen, sie in die Tunnel mitzunehmen, die noch gerade eben die Existenz von unterirdischen Behausungen geleugnet hatten. Die im Buch abgedruckten Fotos hat sie auch nicht selbst gemacht - doch die Fotografin wird nie als Begleiterin erwähnt. Sie sagt oft, ihre Gesprächspartner hätten einen '"sanften, offenen Blick'" oder '"freundliche Augen und lachten viel". Immer wieder betont sie die Hilfsbereitschaft der hier lebenden Menschen, den Zusammenschluss der Gemeinschaft und ihre Gastfreundlichkeit, wobei sie zum Romantisieren neigt. Auch die Fehlversuche einiger Tunnelbewohner, sich in der oberirdischen Welt wieder einzugliedern, werden von ihr manchmal beschönigt. Ich glaube nicht, dass sie auch nur andeutungsweise die Einsamkeit, die Angst, das Elend und die Abstumpfung dieser Menschen erfasst, da sie zumeist "Parade-Obdachlose", die sich gut artikulieren können, zu Wort kommen lässt. Ihr Artikel über den '"Dark Angel"' ist so allgemein gehalten, dass ich bezweifle, dass überhaupt jemand ihn persönlich zu Gesicht bekommen hat, und sie nur Hörensagen wiedergibt.
Faktisch leistet sich die Autorin einige Fehler, die damit dem ganzen Buch die Qualität nehmen. Offensichtlich hat sie nur sehr wenige Tunnel tatsächlich von innen gesehen, denn die von ihr beschriebenen unterirdischen Orte konnten von Fachleuten, die das Tunnelnetz aus beruflichen Gründen sehr gut kennen, größtenteils nicht nachvollzogen werden. So hat sie wohl unreflektiert das, was ihr erzählt wurde, als Tatsache wiedergegeben. Ich war zunächst sehr beeindruckt davon, dass unter den eigentlichen U-Bahn-Tunneln noch sieben weitere Stockwerke an Tunnelebenen existieren sollten. Joseph Brennan von der Columbia University setzt sich jedoch sehr kritisch mit diesen Behauptungen auseinander und stellt sie als unglaubwürdig dar. Wenn jedoch schon diese nachprüfbaren Details unglaubwürdig sind, wie viel vom Rest des Buches ist dann erfunden?
Insgesamt halte ich das Buch unter dem Gesichtspunkt des Berichts über Obdachlose und ihre Lebensgeschichte für lesenswert. Allerdings kann man es wohl nicht für bare Münze nehmen.