Die skandinavische Verteidigung führte bis in die neunziger Jahre auf Großmeistebene mehr oder weniger ein Mauerblümchendasein. Kaum ein Schachmeister von Rang hatte sie im Repertoire, nur der inzwischen leider verstorbene ehemalige Weltmeisterkandidat Bent Larsen aus Dänemark griff immer wieder zu der lange Jahre als etwas anrüchig geltenden Verteidigung. Immer wieder bedienten sich danach zwar u.a. auch die Großmeister Ian Rogers, Curt Hasen und Matthias Wahls dieser seltenen Waffe, aber brauchbare theoretische Abhandlungen oder gar ein gutes Lehrbuch zu Skandinavisch gab es nicht.
Dies änderte sich erst im Jahre 1997, als Wahls sein sehr zu Recht hochgelobtes "Modernes Skandinavisch" herausbrachte. Der Hamburger Großmeister hatte damals durch viele neue Ideen "Skandinavisch" wieder salonfähig gemacht und durch Aufnahme in sein Repertoire und regelmäßige erfolgreiche Anwendung die Korrektheit in der Praxis - auch auf höchstem Niveau - nachgewiesen.
Leider dauerte es danach ganze neun Jahre, bis der im ersten Buch versprochene Nachfolgeband erschien. Wohl auch aufgrund der Tatsache, dass sich Matthias Wahls immer mehr vom Profischach zurückgezogen hatte, erschien "Modernes Skandinavisch II" als Gemeinschaftsarbeit von drei Hamburger Bundesligaspielern. Neben Wahls zeichneten außerdem Großmeisterkollege Karsten Müller und der Internationale Meister Hannes Langrock verantwortlich.
Während der erste Band noch als reines Theoriewerk konzipiert war, ging es im zweiten Teil um Pläne, Bauernstrukturen, sowie die strategischen und taktischen Motive der skandinavischen Verteidigung.
Schließlich vergingen noch einmal fünf Jahre, bis im New in Chess Verlag eine englische Version mit dem Titel "The Modern Scandinavian" veröffentlicht wurde.
Was aber dabei herausgekommen ist, hat sicherlich das lange Warten gelohnt und kann ohne Übertreibung als ein Werk bezeichnet werden das seinesgleichen sucht!
Dabei handelt es sich zunächst um eine von Ian Adams besorgte Übersetzung von Band zwei. Zudem wurden zwei zusätzliche Kapitel eingefügt. Zum einen ein Abschnitt, welche mit "Theoretischem Anhang" betitelt ist und zum anderen ein kleiner Übungsteil. Alleine schon das erstgenannte Kapitel, welches auf 32 Seiten den Leser die notwendigen theoretischen Grundlagen vermitteln soll, zeigt die hohe Qualität dieser Publikation. Zwar kann man sicher darüber streiten, ob diese kurze Darlegung - wie angegeben - die Arbeit mit dem ersten Band ersetzen kann; wahrscheinlich kann man aber aus diesen wenigen Seiten mehr herausholen, als aus manchem dickleibigen Theorienbuch!
Ganz sicher ist jedoch, dass sich die intensive Beschäftigung mit "The Modern Scandinavian" in Verbindung mit einer gut gepflegten Datenbank als im wahrsten Sinne des Wortes gewinnbringend erweisen wird! Denn was das Autorentrio abliefert, genügt - zumindest nach Meinung des Rezensenten - höchsten Ansprüchen.
Eingebunden in ein umfangreiches, von Karsten Müller ausgewähltes und für die Übersetzung aktualisiertes Partienmaterial, werden die strategischen und taktischen Strukturen ausführlich und sehr verständlich in Textform erklärt. Absolut überzeugend, sehr lehrreich und damit zielführend ist zudem die Gliederung der Themen in Zentrumsstrukturen. Das bedeutet, dass neben den beiden schon erwähnten Abschnitten und einem Einführungsteil alle anderen Kapitelüberschriften das Wort "Zentrum" beinhalten. So werden neben dem Standardzentrum (mit weißen Bauern d4 gegen die schwarzen e6 und c6), u.a. das Fianchetto - Zentrum (mit d3 und g3), oder das kleine (d3) bzw. das leere Zentrum (d2,b4) vorgestellt. Ein weiteres großes Plus dieser Publikation ist, dass trotz der Fülle des Materials - alleine 15 (!) verschiedene Zentrumsformationen werden besprochen - nie die Übersicht verloren geht.
Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass dieses außergewöhnliche Gemeinschaftswerk dem interessierten Leser einen hervorragenden Leitfaden in die Hand gibt um die Strukturen der skandinavischen Verteidigung zu verstehen.
Zusätzlich wird der geneigte Schachfreund durch eine sehr großzügige Seitenaufteilung und damit alleine schon hervorragende optische Übersichtlichkeit zur Arbeit mit diesem Handbuch motiviert.
Auch die weitere handwerkliche Ausstattung des Werkes lässt nichts zu wünschen übrig. Abgerundet wird diese ausgezeichnete Abhandlung durch ein Spielerverzeichnis, sowie eine chronologische Auflistung der Partien. Wenn sich überhaupt noch etwas an diesem tollen Buch verbessern ließe, dann wäre eine bessere Variantenübersicht im Inhaltsverzeichnis zu nennen.
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass ausschließlich die Abspiele behandelt werden, welche nach 1.e4 d5, 2.exd5 Dxd5 entstehen, d.h. ohne Abweichungen von Weiß oder Schwarz im zweiten Zug.
Für das Textverständnis dieses sehr empfehlenswerten Werkes ist gängiges Schulenglisch völlig ausreichend.
Fazit: Wohl das Beste zum Thema "Skandinavische Verteidigung", was man auf dem Schachbuchmarkt bekommen kann!