Die Kraft des Fantasy-Auteurs liegt im Visuellen. Die Fähigkeit, unbewusste Gefühle des Alleinseins, des Andersartigen und sich nicht wirklich akzeptiert Fühlens in seinen Zeichungen und Skizzen umzusetzen.
Berühmtestes Beispiel: Die Zeichnung von einem Jungen mit Scheren als Händen, ein Bild, das Tim Burtons Zeit als Teenager beschreibt. Ein Wesen, das nicht fähig ist, zu kommunizieren, die Welt ansehen kann aber nicht berühren und somit seine Gefühle nur durch die Kunst, die ästhetische Gestaltung seiner Umwelt, ausdrücken kann. Doch ist er kreativ und destruktiv zugleich und wird von der Gesellschaft als Misfit, als Monster wahrgenommen. Auf dieser Zeichnung basiert sein Film EDWARD SCISSORHANDS (1990).
So melancholisch und tragisch seine Zeichnungen auch sein mögen, so lustig sind sie auch. Das beweist er in seinem Gedichtband "The Melancholy Death of Oyster Boy: And Other Stories", wo er ganz im Stile von Edward Gorey seine makabren Reime über skurrile Außenseiterkinder mit selbstgezeichneten Skizzen ausgestattet hat.
Das Ergebnis ist ein obskures Kabinett wundersamer Kreaturen, deren Leben (und meist auch Ableben) einem gleichzeitig berühren und, man will es sich fast nicht eingestehen, auch zum Schmunzeln oder Lachen bringen. Wen wundert es noch, dass sein Zeichenstil (und vor allem seine Denkweise) nicht mit der Massenbeglückgungsindustrie Disney kompatibel war und während seiner Arbeit als Konzeptionskünstler keine einzige seiner Skizzen es in den Film THE BLACK CAULDRON (Taran und der Zauberkessel, 1985) geschafft haben?
"Ich denke am besten, wenn ich zeichne", hat mal der eigenwillige Regisseur gesagt. Fast Unheimlich, wohin ihn manchmal seine Gedanken tragen und was sie hervorbringen (etwa den Jungen mit Nägeln als Augen). Aber noch unheimlicher ist, wie diese Gedanken ihren Weg zurück zur Wirklichkeit finden.
Die Welt, gesehen aus den Augen des Tim Burton und seiner Bande von Außenseitern, Träumern, Freaks und (Film-)Monstern. Doch vielleicht sehen wir alles nur aus der falschen Perspektive. Vielleicht ist das, was wir als Unnormal ansehen, das Normale, und das Normale das Unnormale. Vielleicht sind die einzigen Monster schon immer die Menschen gewesen, an denen die Monster, ihre zarten Geschöpfe mit der unschuldigen Seele eines Kindes, auf dem Weg zur Menschwerdung zugrunde gehen?
Keine Geschichte kann dieses "Frankenstein"-Motiv des humanen Monsters und des monströsen Menschen so gut wiedergeben wie die traurige Geschichte des Oyster Boy. Vielleicht probiere ich dieses Halloween auch mal ein wirklich Gruseliges aus und gehe als Mensch, wie er...