Frank Partnoy, der Autor früher veröffentlichter Bücher wie "F.I.A.S.C.O." und "Infectious Greed", hat sechs Jahre voller Fleißarbeit damit verbracht, Dokumente über Ivar Kreuger's Zündholz-Firmenimperium zu sichten und aus seinen Erkenntnissen dieses packende Buch zu schreiben. Nachdem ich einmal mit dem Lesen angefangen hatte, konnte ich das Buch, dessen Einband schon gestalterisch toll geraten ist, ein ganzes Wochenende lang nicht mehr aus der Hand legen.
Ivar Kreuger war ein schwedischer Ingenieur, der aus einer Familie stammte, der eine Zündholzfirma gehörte. Kreuger war in seinen früheren 20-iger Jahren des 20. Jahrhunderts sehr erfolgreich und baute mit Krediten einer schwedischen Bank eine florierende Baufirma ("Kreuger & Toll") auf, die Renommiergroßprojekte durchzog. Später begann er damit, schwedische Zündholz-Firmen zusammenzukaufen und zu einem Monopol-Unternehmen zusammenzuschmieden. Kreuger betrieb vertikale Integration, indem er auch Zulieferer wie Chemikalienbetriebe und Holzlieferanten aufkaufte und in seine Firmenstruktur integrierte. Als die schwedischen Banken seine zur Firmenübernahme notwendige Kreditlinie nicht mehr ausweiten wollten, ging Kreuger nach Amerika und konnte am dortigen Markt Anleihen platzieren, die reißenden Absatz fanden. Er hatte nämlich den Plan, europäischen Regierungen, die im Nachkriegseuropa große Probleme hatten, zu relativ niedrigen Zinssätzen Geld aufzutreiben, günstige Kredite einzuräumen und das Geld für diese Kredite bei amerikanischen Investoren durch Platzierung von Anleihen einzusammeln. Im Gegenzug sollte Kreuger von den Regierungen Monopole auf seine Zündhölzer erhalten. Nach den Bonds ging Kreuger mit den Aktien seiner schwedischen Firmen an die amerikanische Börse (an die "Curb" - einer Art "Over the Counter"-Börse) und konnte sie nach einigen Jahren auch an der NYSE listen lassen. Partnoy's Buch zeigt aber deutlich, dass Kreuger bei seinen Finanzierungen einerseits auf immer neue Finanzprodukte, z.B. Convertible Bonds oder Vorzugsaktien ohne Stimmrecht angewiesen war, die er entwickelte, und andererseits auf immer neue Deals mit Regierungen, die ihm nicht immer wohl gesonnen waren. In zahlreichen Ländern gab es Anti-Monopolgesetze. Außerdem schaffte Kreuger von Anfang an Millionenbeträge über Umwege nach Lichtenstein, wo er eine Art Briefkastenfirma unterhielt. Diese Ausplünderung seiner Holding-Gesellschaft ging so lange gut wie Kreuger durch mehrere Kapitalerhöhungen immer neue Vorzugsaktien am Markt platzieren konnte. Mit dem Crash des Jahres 1929 endete diese Möglichkeit und Kreuger begann damit, angebliche Regierungsverträge durch Fälschungen zu belegen und sogar Schatzbriefe der italienischen Regierung zu fälschen, die bilanzielle Defizite seiner Holding-Firma verdecken sollten. Er schob Vermögensposten von einer seiner Firma zur nächsten, um die Bilanzen zu frisieren. Partnoy beschreibt auch, wie Kreuger Angestellte seiner eigenen Firma sowie von Banken und Wirtschaftprüfungsfirmen belogen und für seine Zwecke gefügig gemacht hatte. Er benutzte außerdem Strohmänner, die er teilweise aus dem kriminellen Milieu rekrutierte, als Geschäftsführer für seine über 200 Subunternehmen, die er jedoch alle selbst kontrollierte. Das Buch zeigt sehr deutlich, dass Ivar Kreuger zwar anscheinend zu Beginn seiner Laufbahn ein noch einigermaßen seriöser Geschäftsmann gewesen sein könnte, aber später nur noch durch ein Art Ponzi-Schema sein Firmen-Konglomerat vom Zusammenbruch abhalten konnte. Die Firmenstruktur war so verzweigt, dass außer Ivar Kreuger selbst niemand durchblickte oder gar in der Lage gewesen wäre, eine konsolidierte Unternehmensbilanz zu erstellen (wenn wir z.B. heute "GE" oder andere Holdinggesellschaften ansehen, ist dies doch auch nicht anders). Obwohl es Finanziers gab, die ihm misstrauten, genoss er jahrelang ein sehr hohes Ansehen, galt zeitweise als der drittreichste Mann der Welt und war ein Medien-Star sowie in den höchsten Kreisen gern gesehener Gast. Kreuger, ein Liebhaber sehr junger Frauen, war auch der Initiator von Greta Gustafsons Karriere - später nannte sie sich Greta Garbo.
Ich bin der Ansicht, dass das Buch ein sehr brauchbarer Lesestoff für jene Menschen sein könnte, die sich gerne als "Investoren" sehen möchten. Hier wird am Beispiel der Geschichte eindeutig gezeigt, dass man weder hoch angesehenen Unternehmern noch Wirtschaftsprüfungsgesellschaften oder gar Aktiengesellschaften selbst ganz vertrauen kann und darf. Der ganze Börsen-Zirkus ist zumindest teilweise ein legalisiertes Ponzi-Schema. Legalisiert, weil der Staat - genau wie bei Tabak und Alkohol - auch hieran fantastisch mitverdient und aus Inkompetenz oder Überforderung der Börsenaufsicht oft wegsieht, zu spät einschreitet und wenig erreicht, wenn Anleger betrogen werden. Ich will nicht behaupten, dass jede Firma mit so zwielichtigen Methoden ihre Bilanzen frisiert wie Ivar Kreuger es anscheinend getan hat, aber ich denke, dass dreiste und schwerwiegende Bilanzkosmetik bei der Mehrheit aller Aktiengesellschaften heute genauso an der Tagesordnung ist wie vor achtzig Jahren. Kreuger hatte nur das Pech, dass sein Schema durch den Crash des Jahres 1929 nicht mehr lange fortgesetzt werden konnte und letztendlich aufflog. Hätte Kreuger nicht zu richtig kriminellen Methoden wie Urkunden-Fälschung gegriffen, sondern einfach die Insolvenz der Holdinggesellschaft gewählt, wäre alles legal und quasi "ehrlich" abgelaufen und er hätte eine Chance gehabt, seinem patetischen Selbstmord zu entgehen.
Meiner Meinung nach ein exzellentes und sehr empfehlenswertes Buch von Frank Partnoy.