Agalloch sind im Genre des Folklastigen Black Metals absolute Vorreiter und bewiesen bereits mit ihrem Debutalbum "Pale Folclore" das unerschöpfliche kreative Potential dieser Musik.
Würde man die Musik von Pink Floyd mit den rauhen, nordisch kalten Klängen von Black Metal Bands wie Burzum oder den epischen Viking- Vertretern Bathory kombinieren, würde man ungefähr grob etwas erhalten, was an Agalloch erinnert.
Agalloch sind allerdings wesentlich vielseitiger. Im Gegensatz zu anderen Folk-Black Metal Bands vermeiden sie Kirmes-Saufmusik für pubertierende Neandertaler, wie es leider bei Ensiferum, Korpiklaani und Konsorten abgefeiert wird. Die Band aus Portland/Oregon wildert in wesentlich melancholischeren Gefilden und webt auch Ambient Musik in ihre filigranen Klanggespinste mit ein. Hier und da schimmert auch etwas Enio Morricone durch, ebenso wie der traurige Folk-Barde von Sol Invictus mitunter Pate stand.
Agalloch zelebrieren mit "The Mantle" ein epochales Kino für die Ohren. Man muss sich der Musik und der ihr innewohnenden Trauer hingeben, wobei es Hauptsongwriter Haughm vermeidet, die Grenze von der Schwermütigkeit zum weinerlichen Selbstmitleid zu überschreiten. Die Trauer und Schwermütigkeit ist omnipräsent, aber dennoch sehr subtil und kontrastiert sehr gut die durchaus vorhandenen Elemente des Black Metals, welcher sich im fauchenden, rauhen Gesang Haughms manifestiert. Seine klaren Gesangseinlagen sind dagegen von ätherischer Schönheit und Erhabenheit.
Für eine Band, die ihre Wurzeln im Black Metal hat und diesen durch Elemente der Ambient-Musik, des Neofolks und des Progressive-Rock erweitert hat, werden ungewöhnlich oft "clean" gespielte E-Gitarren verwendet, mitunter skizziert von fast schon floydianischen Soli.
Beginnend mit einem winterlichen Instrumentalstück, welches ausschließlich auf einfachen Akustik-Gitarren-Akkorden basiert, folgt dann der erste absolute Höhepunkt des Albums:
"In The Shadow Of Our Pale Companion" zeigt die Essenz der Band. Folk mit Black Metal- und auch Doom-Schlagseite, oder umgekehrt doomiger Black Metal mit Folk-Schlagseite, je nach Blickwinkel des Betrachters. Es ist ein heißkaltes Wechselbad der Gefühle, welches hier dargeboten wird. Eiskalte Schauer laufen einem über den Rücken, während sich der Song langsam aus den Lautsprächern wälzt. Das Tempo ist schleppend, dennoch niemals eintönig und langweilig, weil der abwechslungsreiche Gesang - mal wütend fauchend, mal wunderschön wehklagend - und die unfassbar dichten Gitarren-Arrangements den Song sehr spannend halten. Sich mehrfach überlappende Gitarrenspuren, feinst gewobene Saiten-Gespinste aus filigraner Akustikgitarre, cleaner E-Gitarre, verzerrten Lava-Riffs und blackmetallischem Geschrammel spielen Katz und Maus, ruhige Atempausen bilden dazu einen erhabenen Kontrast. Dieser Song strahlt eine atemberaubende Schönheit aus. Man wähnt sich in den mit Moos bewachsenen und nebenverhangenen Nadelwäldern Oregons, riecht den Duft des Harzes und fühlt sich berauscht von dieser Kathedrale aus Bäumen. Am Ende entwickelt sich der Song zu einer orgiastischen Ekstase aus Trommelwirbeln und Glockenschlägen und einem beinahe schamanen-artigen Indianergesang, eher er verklingt. Genial!
Das darauffolgende instrumentale Interludium "Odal" ist wieder dominiert von klaren, unverzerrten E-Gitarrenklängen, ehe es sich ebenfalls in einem Klanggewitter epischen Ausmaßes entlädt. Akustisch scheint es die Absicht der Musiker zu sein, eine unerbittliche Kälte heraufzubeschwören, die in der Musik Agallochs ohnehin schon immanent ist. Klanglich versinnbildlicht durch eine dem berghang herabrollende donnernde Lawine, flankiert von hoffnungslos traurigen Piano-Akkorden am Ende.
"I Am The Wooden Doors" offenbahrt eher die härtere Seite Agallochs. Black Metal mit nur sehr dezenten Folk-Anleihen und schnellem Tempo und harschem Gesang.
"The Lodge" ist dann wiederrum ein Interludium, Schritte, die durch den Schnee stapfen und Schläge von Holzstöcken, begleitet von schlichter Akustikgitarre.
"You Were But A Ghost In My Arms" legt dann erneut die Wurzeln der Band offen. Schneller, aber nie von Blastbeats dominierter Black Metal, allerdings trauriger und atmosphärischer als "I Am The Wooden Doors". Hier jagt ein eiskalter Schauer den nächsten, die Gänsehaut bleibt permanent. Haughm singt, faucht und flüstert mitunter, als würde ein Geist in den Lautsprechern sein Unwesen treiben. Dieser Song ist eine schnelle Achterbahnfahrt der Gefühle, trotz des Tempos sehr melodisch und klar strukturiert. Ein Meisterwerk.
"The Hawthorne Passage" bietet als eher schleppendes Instrumental-Intermezzo erneut Kopfkino der feinsten Sorte, subtil gewürzt mit einem Gitarrensolo, das auch David Gilmour nicht besser hätte hinbekommen können, kleine Hörspiel-Einsprengsell aus Schwedisch und Spanisch am Ende sowie Posaunenklängen machen dieses Stück zu einem Ohrenschmaus.
"The Great Cold Death Of The Earth" bietet Lagerfeuermusik der traurigsten Sorte. Düsterer, zähflüssiger Doom-Metal mit blackmetallischem Gesang Haughms und simplen Akustischen Gitarrenakkorden, flankiert von dröhnendem Kontrabass. Minimalistisch, aber wundervoll.
Der letzte Song des Albums besteht nur aus Akustiggitarre und Akkordeon, der Gesang ist eher geflüstert. Man wähnt sich schon beim Camping und Stockbrot-Essen. Sehr subtil.
Mit The Mantle haben Agalloch ihr zweites Meisterwerk geschaffen, welches sie mit dem rockigeren Nachfolgealbum "Ashes Against The Grain" beinahe toppen konnten.
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