Über 10 Millionen Dollar haben die Coen-Brüder mit ihrer 2001 in Cannes präsentierten Persiflage/Hommage auf den US-Kriminalfilm der 40-er Jahre in den Staub gesetzt - nun, es war erstens ihr eigenes Geld, zweitens sind sie sicher mehr künstlerisch als geschäftlich motiviert und drittens korreliert Erfolg nicht gerade zwangsläufig mit Qualität. Immerhin durfte sich Joel Coen für "Der unauffällige Mr. Crane" den Regiepreis mit David Lynch teilen, der Film selbst hatte gegen
Die Klavierspielerin schlechte Karten.
Dennoch muss man sich fragen: Wo liegt der Nutzen dieses fast zweistündigen, stilistisch durchaus eindrucksvollen Werks? Was kann man daraus lernen? Wo wird man berührt? Etwas überspitzt formuliert: Hat man mehr als eine Dauer-Zigarettenwerbung gesehen?
Ed Crane (Billy Bob Thornton, 46) ist dieser dauerqualmende und äußerst schweigsame Frisör, dessen philosophischer Tiefgang bei der Frage endet, wieso die Haare eigentlich immer nachwachsen, und wie es kommt, dass er den kostbaren Stoff zusammenkehrt und respektlos wegwirft. Haare als "pars pro toto" für den Menschen, für Crane selbst, der sein eigenes Leben stets als weggeworfen und sinnlos betrachtet hat und durch das kurios-tragische Geschehen rutscht wie ein unbeteiligter Zuschauer, der bestenfalls gelegentlich den Kopf darüber schüttelt, wie sich das alles entwickelt.
Wie sich die Coen-Brüder anhand der gerichtlichen Verfolgung von Cranes Taten und Nicht-Taten mit der Ironie des Schicksals beschäftigen, hat durchaus Amüsantes - auch wenn einem zuletzt das Lachen vergeht. Ein überaus raffinierter Plot, von dem mancher Thriller-Autor noch was lernen könnte.
Wenn man kurz vor dem Ende steht, "hat man plötzlich merkwürdig viel Zeit - da gehen einem nochmal die wichtigen Stationen des Lebens durch den Kopf". Aber Ed benötigt keine Zeit, weil er nicht handelt. Er WURDE Frisör, WURDE geheiratet, WURDE betrogen, WURDE, WURDE. Seine meistgeschätzte Qualität ist die Schweigsamkeit.
Deswegen beschäftigt ihn zuletzt auch nur noch - mit gewohnt mäßigem Interesse - was ihn nun "da drüben" erwartet. Die kaum belastbare Hoffnung aller derer, die glauben, ihre Existenz sei nicht begrenzt und daher auch beliebig verspielbar.
Insgesamt bietet der Film einiges, über das sich nachzudenken lohnt. Emotional vermittelt er die große Gleichgültigkeit des Helden und der Zeit, eine triste Stimmung wie durch den Nebel des Rauchs und der künstlichen Farblosigkeit [1] gedämpft - wer aber die Emotion aufzunehmen bereit ist, wird Depression verspüren.
Wäre noch anzufügen, dass Ed ein gewisses Interesse für die Junge "Birdy" (Scarlett Johansson, 17) und die von ihr vorgetragenen Beethoven-Sonaten entwickelt - die einzige Spur von Leben in dieser blutleeren Raucherexistenz. Lustigerweise ebenso der zehnte Film der Johansson wie der von Regisseur Joel Coen.
Glücklicherweise in beiden Fällen nicht der letzte.
Im Original 116 Minuten, Format 1,85:1 auf 35 mm Film [1], DTS|DD|SDDS (IMDB)
film-jury 3* A0732 18.9.2011eg 10A 1F
[1] Der Film wurde in Farbe gedreht und erst später auf S/W kopiert - dadurch ergibt sich ein von "richtigen" S/W-Filmen abweichender Bildcharakter.
Joel David (1954) und Ethan Jesse Coen (1957, beide geboren in Minneapolis, Minnesota)
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1998 -* A0000 The Big Lebowski
....... R+B+S+P: Coen Brothers D: Jeff Bridges, John Goodman, Steve Buscemi
2001 3* A0732
The Man Who Wasn't There....... R+B+S+P: Coen Brothers D: Billy Bob Thornton, Scarlett Johansson
2007 5* A0603
No Country For Old Men [Blu-ray]
....... R+B+S+P: Coen Brothers D: Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin
2010 -* A0000 True Grid
....... R+B+S+P: Coen Brothers D: Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon